25. Juli 2017
Schutz vor Allergien

Der Bauernhof bietet mehr gegen Asthma als nur Bakterien

Der sogenannte Bauernhof-Effekt besagt, dass Kinder, die auf einem Bauernhof aufgewachsen sind, im Vergleich zu Stadt-Kindern seltener an Allergien oder Asthma erkranken. Bisher ging man davon aus, dass vor allem Bakterien dafür verantwortlich sind. Ein Schweizer Team bringt nun eine weitere Komponente ins Spiel. Sie stammt allerdings von den Tieren.

Schwein, das über einen Zaun sieht, als Symbol für den Bauernhof-Effekt gegen Asthma

© Fotolia/Lilifox

Fast jeder kennt die Hygiene-Hypothese, nach der das Immunsystem im frühen Kindesalter ein Training braucht, um sich gegen Asthma und Allergien schützen zu können. Erarbeitet und bestätigt wurde sie durch umfangreiche internationale Feld- und Bevölkerungsstudien auch unter Einbezug von Familien, die noch aktiv einen Bauernhof bewirtschaften. Daher wird oft auch der Begriff Bauernhof-Effekt verwendet.

Zahlreiche Studien untersuchen nun, welche Faktoren genau vor Asthma schützen und oft kommen dabei Bakterien ins Spiel, etwa Lactococcus lactis. Es gibt erste Hinweise, dass sowohl Zellwandbestandteile, bestimmte Enzyme oder die RNA der Bakterien eine Rolle spielen. Jetzt haben Schweizer Forscherinnen und Forscher herausgefunden, dass auch nicht-mikrobielle Moleküle eine schützende Wirkung haben können. Im ‚Journal of Allergy and Clinical Immunology‘ zeigen sie, dass eine bestimmte Sialinsäure, die bei Bauernhoftieren vorkommt, gegen Entzündungen des Lungengewebes wirkt.

Die Stoffgruppe der Sialinsäuren kommt vor allem in Drüsensekreten, im Blut und an der Oberfläche von Zellmembranen vor. Ein Vertreter allerdings, die sogenannten N-Glykolylneuraminsäure oder kurz Neu5Gc, fehlt im menschlichen Organismus. Aufgrund einer genetischen Veränderung kann sie nicht hergestellt werden, anders als bei anderen Wirbeltieren wie zum Beispiel Kuh und Katze. Allerdings kann der Mensch sie aufnehmen und in Proteine einbauen, wenn er Kontakt mit Tieren hat oder tierische Lebensmittel isst beziehungsweise trinkt.

Da Neu5Gc für den Körper ‚fremd‘ ist, produziert er Antikörper gegen diesen Stoff, sobald er mit ihm in Kontakt kommt. Je mehr man also mit Neu5Gc in Kontakt ist, desto höher die Konzentration des Antikörpers im Blut. Diesen Zusammenhang nutzten die Autoren für ihre Studie: Sie untersuchten Blutproben von über 1.000 Kindern aus zwei EU-weiten epidemiologischen Studien (PARSIFAL- und PASTURE-Studie) hinsichtlich der Konzentration an Neu5Gc-Antikörpern. Diese Daten glichen sie dann mit möglichen Asthma-Erkrankungen der Kinder ab.

Bessere Lungenfunktion und weniger Asthma-Symptome

Das Ergebnis: Bauernkinder wiesen vermehrt Antikörper gegen Neu5Gc auf – und Kinder mit mehr Antikörpern litten wesentlich seltener an Asthma. Die positive Wirkung von Neu5Gc auf die Atemwege konnten die Forscher auch im Tiermodell bestätigen: Nahmen asthmatische Mäuse Neu5Gc-Moleküle über die Nahrung auf, verbesserte sich die Lungenfunktion und Asthma-Symptome gingen zurück.

Außerdem untersuchten die Forscher in Zellkultur, wie Neu5Gc auf das menschliche Immunsystem wirkt. Sie fanden heraus, dass die Sialinsäure eine antientzündliche Reaktion des Immunsystems anstößt, da mehr sogenannte regulatorische T-Zellen gebildet werden. Diese Zellen dämpfen Fehlreaktionen des Immunsystems, wie sie bei Asthma oder Allergien auftreten, und wirken so Entzündungen entgegen.

Die Wissenschaftler hoffen, dass ihre Forschungsergebnisse neue Möglichkeiten eröffnen, wie der schützende Effekt des Bauernhofs auf alle Kinder übertragen werden könnte.

 

Quellen:
Frei, R. et al.: Exposure to nonmicrobial N-glycolylneuraminic acid protects farmers' children against airway inflammation and colitis. In: The Journal of Allergy and Clinical Immunology

Universität Zürich: Wie Katze und Kuh Bauernkinder vor Asthma schützen. Pressemitteilung vom 6. Juli 2017

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