10. Oktober 2017
Epidemiologische Daten aus Deutschland

Experten-Interview: Haben Neurodermitis-Patienten ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko?

Epidemiologische Daten weisen auf ein möglicherweise erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Patienten mit Neurodermitis (atopisches Ekzem) hin. Eine Arbeitsgruppe um Dr. Marie Standl vom Helmholtz Zentrum München hat die Datenlage für Deutschland näher untersucht und ihre Studienergebnisse dieses Jahr in einer internationalen dermatologischen Fachzeitschrift veröffentlicht. Hier berichtet Dr. Standl in einem Interview über die gewonnenen Erkenntnisse.

Porträtfoto von Dr. Marie Standl

Dr. Marie Standl, Quelle: Helmholtz Zentrum München

Frau Dr. Standl, welches Ziel hatte Ihre Studie und was hat Sie dazu veranlasst, diese Untersuchungen vorzunehmen?
In einigen Studien aus den USA und Asien wurde beobachtet, dass Neurodermitis-Patientinnen und -Patienten einen höheren Body-Mass-Index (BMI) haben. Entsprechend haben US-amerikanische und asiatische Studien auch über ein höheres Risiko für kardiovaskuläre (Herz-Kreislauf-) Erkrankungen berichtet. Da die Ergebnisse aus europäischen Studien weniger eindeutig beziehungsweise widersprüchlich waren, war es das Ziel, den Zusammenhang von Neurodermitis und kardiovaskulärem Risiko zu untersuchen. Dafür wurden drei verschiedene Datensätze ausgewertet: Daten von Versicherungsnehmern einer Krankenkasse, die Daten der populationsbasierten KORA-Studie sowie der Geburtskohorten GINIplus und LISA. Unsere Studie erfolgte in enger Zusammenarbeit mit Prof. Jochen Schmitt aus Dresden und Prof. Stephan Weidinger aus Kiel.

Welches sind die wichtigsten Erkenntnisse aus Ihren Untersuchungen?
In den Krankenkassendaten war ein leicht erhöhtes Risiko für Angina pectoris, Bluthochdruck und peripherer arterieller Verschlusskrankheit zu beobachten, aber kein Zusammenhang mit Herzinfarkt oder Schlaganfall. Allerdings fehlen bei den Daten der Krankenkasse Informationen über bekannte Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen, wie z.B. Blutfettwerte, BMI oder Blutdruck. Diese konnten in den populationsbasierten Kohorten überprüft werden. Dabei wurde allerdings kein erhöhtes Risiko für Neurodermitis-Patientinnen und -Patienten beobachtet.

Unterscheiden sich Neurodermitis-Patientinnen und -Patienten in Deutschland von denen in anderen vergleichbaren Ländern? Wenn ja, haben Sie eine Erklärung dafür, warum das so ist?
Einige Studien aus den USA haben berichtet, dass Neurodermitis-Patientinnen und -Patienten eher zu einem ungünstigen Lebensstil neigen. Das bedeutet, sie sind im Durchschnitt weniger körperlich aktiv und weisen einen höheren Alkohol- und Nikotinkonsum auf. Diese Zusammenhänge haben sich in unseren Daten nicht gezeigt. Der ungesündere Lebensstil, wie er bei US-amerikanischen Neurodermitis-Patientinnen und -Patienten beschrieben wurde, könnte - zumindest zum Teil - für das dort beobachtete höhere Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verantwortlich sein.

Konnten Sie einen Zusammenhang zwischen dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und dem Schweregrad der Neurodermitis feststellen?
Leider hatten wir keine exakten Angaben zum Schweregrad, konnten diesen aber über die verschriebene Medikation in den Daten der Krankenkasse abschätzen. Das Risiko für die oben beschriebenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen nahm mit dem Schweregrad der Neurodermitis zu. Die Patienten mit schwerwiegender Neurodermitis wurden mit Glukokortikoiden behandelt, was auch zu Bluthochdruck führen kann. Allerdings ist das kardiovaskuläre Risiko selbst bei den Patientinnen und Patienten mit stark ausgeprägter Neurodermitis nur leicht erhöht, so dass die klinische Relevanz dieser Beobachtung durchaus fraglich ist.

Was konnten Sie bei Ihren genetischen Analysen herausfinden?
Zusätzlich haben wir noch überprüft, ob es eine Überschneidung bei den bekannten Risiko-Genen für Neurodermitis und kardiovaskuläre Erkrankungen gibt. Die Grundidee dabei ist, dass ähnliche Gene oder deren biologische Produkte involviert sein müssten, wenn beide Erkrankungen häufig parallel auftreten. Dafür haben wir allerdings keine Anzeichen finden können.

Wie schätzen Sie die Aussagekraft der Studienergebnisse insgesamt ein?
Durch die Kombination der verschiedenen Datenquellen, von denen jede ihre eigenen Stärken und Schwächen hat, ergibt sich für Deutschland ein recht gutes Bild. Allerdings handelt es sich hierbei um eine reine Beobachtungsstudie, und eine unabhängige Replikation würde die Aussagekraft der Ergebnisse stärken. Außerdem bleibt unklar, ob die deutlichen Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern ausschließlich durch unterschiedliche Lebensstilbedingungen und methodische Differenzen erklärt werden können.

Herzlichen Dank!

Quelle:
Standl, M. et al.: Association of Atopic Dermatitis with Cardiovascular Risk Factors and Diseases. In: J Invest Dermatol 2017; 137: 1074-1081

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