12. Mai 2017
Ernährungsweisen

Glutenfreie Lebensmittel: Hype mit Nebenwirkungen

Von Baguette bis Pannini - mehr als 3.000 glutenfreie Lebensmittel liefern spezialisierte Shops auf Bestellung. Das Geschäft boomt. Doch jetzt warnen Wissenschaftler: Wer ohne medizinischen Grund auf glutenhaltige Produkte verzichtet, könnte sein Risiko für Herzkrankheiten erhöhen.

Verschiedene glutenhaltige Getreide und Brot: keine geeigneten Lebensmittel für glutenfreie Ernährung

© Arkadiusz Fajer/fotolia

Die US-Forscherinnen und Forscher analysierten die Daten von fast  65.000 Frauen und mehr als 45.000 Männern, die zwischen 1986 und 2010 sieben Mal ausführliche Fragebogen zu ihren Ernährungsgewohnheiten beantwortet hatten.Sie ordneten die Betroffenen je nach Häufigkeit des Verzehrs glutenhaltiger Nahrungsmittel in fünf Gruppen ein.
Ergebnis: In der Gruppe, die am wenigsten Gluten zu sich nahm, erkrankten oder starben 352 von 100.000 Menschen an Herzkrankheiten. In der Gruppe, die am meisten glutenhaltige Lebensmittel verbrauchte, traf dieses Schicksal nur 277 von 100.000 Menschen.

Was ist Gluten?

Unter Gluten versteht man eine Mischung aus Eiweißen, Fettsäuren und Kohlehydraten, die zusammen einen klebenden Teig ergeben. Gluten ist in Weißmehl- genauso enthalten wie in Vollkornprodukten, am häufigsten in Dinkel und Weizen, aber auch in Hafer, Gerste und Roggen.

Genau hier vermuten die Forscher den Grund für die überraschende Entwicklung bei Herzkrankheiten. Wer Gluten vermeidet, so schreiben sie, verzichtet eben auch auf Vollkornprodukte.  Und Vollkornprodukte – dies wurde erst kürzlich wieder in zwei großen Studien bestätigt – können das Risiko für Herzkrankheiten reduzieren.

Wem  kann eine glutenfreie Ernährung helfen?

Es gibt medizinische Gründe, die eine glutenfreie Ernährung rechtfertigen: Etwa ein Prozent der Deutschen, also etwa 800.000 Menschen, leidet an Zöliakie. Bei den Betroffenen verursacht Gluten schmerzhafte Entzündungen und Schäden im Dünndarm. Sie sind daher auf glutenfreie Lebensmittel angewiesen und müssen zeitlebens strenge Diät halten.

Daneben gibt es verschiedene seltene Formen der Glutenunverträglichkeit, deren biologische Prozesse größtenteils nicht ausreichend erforscht sind. Hierzu zählt die Weizenallergie. Dabei reagiert das Immunsystem mit allergischen Abwehrsymptomen auf den Kontakt mit Weizenproteinen. Menschen mit einer Weizenallergie wählen ebenfalls oft glutenfreie Lebensmittel, obwohl es für sie genügen würde, auf weizenhaltige Produkte zu verzichten.

Zur Häufigkeit gibt es bei diesen Erkrankungen keine guten Daten, sondern nur Expertenschätzungen. Diese schwanken zwischen 0,5 und 7 Prozent der Bevölkerung.

Wer kauft glutenfreie Nahrungsmittel?

Fragt man nach Selbsteinschätzungen, so geben jedoch 13 Prozent der Erwachsenen an, von einer Gluten- oder Weizenunverträglichkeit betroffen zu sein. Noch weit höher liegt die Zahl derer, die sich beim Kauf bewusst für glutenfreie Lebensmittel entscheiden.

Marktforschungsinstitute berichten, dass in den USA ein Viertel aller Konsumenten der Meinung sind, glutenfreie Ernährung sei gesund für alle. Auch in Deutschland lag der Absatz glutenfreier Produkte 2016 um fast 35 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum.

Das Image von Gluten und Weizen ist schlecht, spätestens seit eine Welle ernährungskritischer Bestseller sie in den vergangenen Jahren für Übergewicht, Diabetes, vorzeitige Alterung und Herzkrankheiten verantwortlich machte. Folgt man den Autoren der US-Langzeitstudie, so scheint bei Herzerkrankungen der Zusammenhang jedoch eher umgekehrt zu sein.

Quelle:
Lebwohl. B. et al.: Long term gluten consumption in adults without celiac disease and risk of coronary heart disease: prospective cohort study. In: British Medical Journal 2017, 357:j1892

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