12. September 2017
Experteninterview

Im Gespräch mit dem Insektengift-Forscher PD Dr. Simon Blank

Aktuell hat der Allergieinformationsdienst das Schwerpunktthema Anaphylaxie gesetzt. Einer der häufigsten Auslöser anaphylaktischer Schocks sind Insektenstiche. Lesen Sie anknüpfend daran ein Interview mit dem Insektengift-Experten PD Dr. Simon Blank, Leiter der Arbeitsgruppe Molekulare und Translationale Allergologie am Helmholtz Zentrum München.

Simon Blank

PD Dr. Simon Blank, Quelle: Helmholtz Zentrum München

Sehr geehrter Herr Blank, diesen Sommer hat Ihre Arbeitsgruppe eine viel beachtete Arbeit zum Thema Hyposensibilisierung (spezifische Immuntherapie) gegen Bienengiftallergene herausgebracht, über die auch der Allergieinformationsdienst berichtete. Was genau konnten Sie da zeigen?

Letztlich haben wir gezeigt, dass sich die Präparate, die zur Hyposensibilisierung bei Bienenstichallergien eingesetzt werden, im Gehalt der relevanten Allergene des Giftes teilweise erheblich unterscheiden. Mittlerweile ist bekannt, dass es sich beim Bienengift um einen Cocktail verschiedener Allergene handelt. Darin sind vor allem fünf Komponenten besonders oft ursächlich für Allergien. In unserer Untersuchung von kommerziellen Präparaten konnten wir allerdings zeigen, dass diese sogenannten Major-Allergene nicht überall in ausreichender Menge vertreten sind - manche Allergene sind stark unterrepräsentiert. Während in manchen Präparaten alle Giftkomponenten gleichmäßig vorkamen, waren in anderen bis zu drei der fünf Allergene in viel geringeren Mengen vorhanden.

Das bedeutet, dadurch, dass manche Allergene seltener in den Präparaten vorkommen, sind die Therapieerfolge geringer?

Mit solchen Aussagen sind wir sehr vorsichtig. Grundsätzlich gilt erstmal: Jeder Patient, der eine schwere allergische Reaktion auf einen Insektenstich gezeigt hat, sollte eine spezifische Immuntherapie durchführen. Es handelt sich dabei um eine potentiell lebensrettende Therapie. Zudem ist es die einzige kausale Therapie, die in der Lage ist, einen dauerhaften Schutz vor einer erneuten allergischen Reaktion zu gewährleisten. Die Erfolgsquote bei Bienengiftallergikern liegt über 80, die bei Wespengiftallergikern über 90 Prozent.

Unsere Beobachtungen sind für jene Menschen interessant, bei denen die Therapie aber eben nicht wirkt. Bisher kann durch Studien nicht belegt werden, wie groß genau die Bedeutung für die Therapie ist. Da aber rund sechs Prozent der Patienten ausschließlich gegen die drei oben erwähnten Allergene sensibilisiert sind, könnte deren Unterrepräsentation in den Präparaten zumindest für diese Patienten Einfluss auf den Therapieerfolg haben.

Also: Die überwiegende Mehrheit der Patienten profitiert von einer solchen Behandlung. Allerdings wäre eine wünschenswerte Zielsetzung, die sich aus dieser Arbeit ergibt, dass Patienten künftig eine maßgeschneiderte Behandlung bekommen. Also ein Präparat mit genau den Allergenen, auf die sie reagieren.

Gibt es Möglichkeiten, den Therapieerfolg eines Hyposensibilisierungspräparates zu einem frühen Zeitpunkt zu überprüfen?

Zur Kontrolle kann schon relativ früh im Zuge der Therapie eine Stichprovokation mit einem lebenden Insekt durchgeführt werden. Falls es hierbei immer noch zu einer Reaktion kommt, kann die Dosierung des Therapiepräparates erhöht oder auch auf ein anderes Produkt umgestellt werden. Zudem steht mittlerweile auch eine Komponenten-aufgelöste Diagnostik für die klinische Routine zur Verfügung, in der festgestellt werden kann, gegen welche einzelnen Allergene die Patientinnen und Patienten reagieren.

Sie erwähnten gerade die Komponenten-aufgelöste Diagnostik. Was hat es damit auf sich?

Viele Jahre wurde für die Diagnostik einer Insektengiftallergie ausschließlich das mehr oder minder aufgereinigte Gift, also ein Giftextrakt verwendet. Dabei lässt sich feststellen, ob ein Patient gegen das Gift sensibilisiert ist oder nicht. Seit letztem Jahr stehen die fünf oben erwähnten Major-Allergene des Bienengiftes als Einzelkomponenten für die Routinediagnostik zur Verfügung. Das bedeutet, dass wir nicht nur feststellen können, ob eine Sensibilisierung gegen das Gesamtgift vorliegt, sondern auch genau, welche Allergene für den Patienten von Bedeutung sind.

Das gibt uns beispielsweise die Möglichkeit herauszufinden, ob ein Patient auf solche Allergene reagiert, die in machen Produkten in zu geringen Mengen enthalten sind. So kann das für ihn genau passende Präparat schon zu Beginn der Therapie ausgewählt werden. Zudem stehen auch die wichtigsten Allergene des Wespengiftes zur Verfügung, was uns ermöglicht, viel eindeutiger zu diagnostizieren, ob für den Patienten Bienengift-, Wespengift oder vielleicht sogar beide Gifte für die Allergie relevant sind. Früher, unter Nutzung der Giftextrakte, war diese Differenzierung viel schwieriger, da die Gifte teilweise auch ähnliche Allergene enthalten, die in der Diagnostik zu Kreuzreaktionen führen können, die für die Allergie nicht unbedingt von Bedeutung sind. Somit kann dem Patienten heutzutage viel zielgerichteter die passende Therapie zukommen und unnötige Therapien mit beiden Giften lassen sich vermeiden.

Was müsste sich bei den Zulassungsanforderungen ändern, um die Qualität der Allergenextrakte zur Therapie einer Allergie auf Bienengift zu erhöhen?

Die Produkte zur Immuntherapie der Bienengiftallergie sind alle schon längere Zeit auf dem Markt. Dabei muss man den Herstellern zugute halten, dass die Erkenntnisse über die Zusammensetzung relevanter Allergene relativ neu sind, und auch Werkzeuge zum Nachweis der Allergene bislang nicht zur Verfügung standen. Sicherlich wäre es aber wünschenswert, dass zukünftig bei der Zulassung ausreichende Mengen der Major-Allergene nachweisbar sein sollten.

Herzlichen Dank!

Veranstaltungskalender

Hier finden Sie aktuelle Termine zu Vorträgen, Seminaren und anderen Patientenveranstaltungen rund um das Thema Allergien

Fachbegriffe A - Z

Von A wie Anamnese bis Z wie Zytokine - Das Allergielexikon zum Nachlesen

Facebook-Icon
Twitter-Icon

Folgen Sie uns