18. Mai 2018
Eiweißallergie

Ist die Vermeidung überholt?

Gibt es einen neuen Königsweg zur Toleranz bei der Hühnereiweiß-Allergie? Erste Zahlen einer Übersichtsstudie lassen das vermuten. Doch ein zweiter Blick lohnt sich. Die Cochrane-Kollaboration hat zehn Studien zur Therapie bei Schulkindern mit Eiweißallergie einer gründlichen Analyse unterzogen.

Ein gelbes Ei als Symbol für die Hühnereiweißallergie rollt auf einem schrägen Holzbrett auf ein Holzmännchen zu, das versucht, mit Kopf und Armen das Ei aufzuhalten.

© stroblowski/fotolia

Eine Eiallergie bei ihrem Kind stellt Eltern oft vor große Herausforderungen. Die Ärztin oder der Arzt empfiehlt in der Regel, Eier zu vermeiden. Doch das ist leichter gesagt als getan: Eiweiß ist in vielen Nahrungsmitteln enthalten. Zwar gehört es zu den 14 Lebensmitteln, die seit 2014 laut EU-Gesetzgebung deklariert werden müssen. Dennoch lässt sich die Möglichkeit, versehentlich Spuren von Ei zu sich zu nehmen und anaphylaktische Reaktionen zu erleiden, nicht ganz ausschließen.

 

Immuntherapie als Alternative

Deswegen sind Forscherinnen und Forscher auf der Suche nach Alternativen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Cochrane-Kollaboration untersuchten die Qualität von Studien, die sich mit der oralen Immuntherapie befassen. Dabei nehmen die Probanden unter Aufsicht regelmäßig winzige Ei-Portionen zu sich. Ziel ist, das Immunsystem an Eiweiß zu gewöhnen und allmählich die Dosis zu erhöhen, die ohne allergische Symptome verzehrt werden kann.

Das Forschungsteam analysierte zehn randomisiert-kontrollierte Studien mit insgesamt 439 Kindern. 249 von ihnen erhielten für eine Dauer von drei Monaten bis zu zwei Jahren die beschriebene orale Immuntherapie, 190 waren den Kontrollgruppen zugeteilt. In drei Studien wurde den Kontrollgruppen ein Placebo verabreicht, sieben Studien griffen bei diesen Kindern auf die althergebrachte Vermeidungsstrategie zurück.

Die Resultate sprachen auf den ersten Blick für die orale Immuntherapie. Diese führte bei 82 Prozent aller Kinder in den Immuntherapie-Gruppen dazu, dass sie zwischen einem und 7,5 Gramm Eiweiß vertrugen. Fast die Hälfte dieser Kinder war nach dem Ende der Immuntherapie in der Lage, eine ganze Portion Ei symptomfrei zu essen. In den Kontrollgruppen erreichten lediglich zehn Prozent der Kinder ein solches Ergebnis.

 

Häufige Nebenwirkungen

Allerdings traten zahlreiche Nebenwirkungen auf. Kaum ein Kind in den Immuntherapie-Gruppen ging ganz ohne unangenehme Begleiterscheinungen aus den Studien hervor. 21 Kindern (8,4 Prozent) musste Adrenalin verabreicht werden, mildere Symptome erlebten weitere 75 Prozent. Einem Langzeit-Test wurden die Kinder nur in einer Studie unterzogen. Er ergab, dass vier Jahre nach Ende einer lang (22 Monate) andauernden oralen Immuntherapie die Hälfte aller Kinder ihre Toleranz bewahrt hatte; sie reagierten nicht mehr auf rohes Ei. Eine andere Studie mit kürzerem Behandlungszeitraum kam zu dem Ergebnis, dass nur 31 Prozent der Kinder die neu gewonnene Toleranz bewahren konnten, während 69 Prozent wieder allergisch auf Ei reagierten.

Angesichts dieser Zahlen stellen die Cochrane-Autoren die Frage, ob der Therapieaufwand das Ergebnis rechtfertigt. Zumal die Studien sehr klein und das Vorgehen jeweils völlig unterschiedlich sowie vielfach ungenau war. Keine Studie umfasste mehr als 82 Kinder, die Wissenschaftsteams wählten verschiedene Dosen, Behandlungsintervalle und Testmethoden. Die Qualität der Belege schätzten die Cochrane-Autoren deswegen bei allen untersuchten Studien als gering ein. Darüber hinaus ist aus anderen Untersuchungen bekannt, dass die Hühnerei-Allergie bei vielen Kindern im Schulalter von selbst abheilt. Die Konsequenz: Bevor orale Immuntherapie bei Ei-Allergie im Kindes- und Jugendalter empfohlen werden kann, braucht es nach Meinung der Autorengrößere und besser organisierte Studien, die vor allem Fragen zur Sicherheit und zur langfristigen Beständigkeit einer so erworbenen Ei-Toleranz zuverlässig beantworten.

 

Quelle: Romantsik, O. et al.: Oral and sublingual immunotherapy for egg allergy. Cochrane Database of Systematic Reviews 2018, Issue 4. DOI: 10.1002/14651858.CD010638.pub3

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