01. August 2017
Arzneimittelreaktionen bei Antibiotika

Penicillin-Allergie: seltener als angenommen und oft fehlgedeutet

Viele Menschen glauben, eine Penicillin-Allergie zu haben, obwohl das nicht oder nicht mehr zutrifft. Darauf weisen Infektiologen und Allergologen aus Australien und den USA hin. Eine sorgfältige Allergiediagnostik kann zur Klärung beitragen.

Arzt bespricht mit Patientin die Krankengeschichte

© fotolia

Der Verdacht auf eine Penicillin-Allergie kommt oft schon im Kindesalter auf. Die Diagnose bleibt dann zumeist für viele Jahre - auch in Patientenakten und im Allergiepass - bestehen, ohne überprüft zu werden. Die meisten Betroffenen können sich später kaum noch an den Anlass erinnern. Benötigen solche Patienten eine Antibiotikatherapie, verordnen Ärztinnen oder Ärzte in der Regel andere Wirkstoffe, die oft weniger wirksam oder verträglich und zumeist auch teurer sind.

In einem kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „Journal of the American Medical Association“ erschienenen Artikel haben Experten der Fachbereiche Infektiologie und Allergologie aus Australien und den USA die Datenlage zu diesem Thema bewertet. Ihrer Einschätzung nach sind Penicillin-Allergien deutlich seltener als angenommen. Daten aus den USA weisen darauf hin, dass sich bei Patienten, bei denen eine Penicillin-Allergie vermutet wurde, eine akute Allergiegefährdung nur in etwa zehn Prozent der Fälle durch Allergietests auch tatsächlich bestätigen ließ. Dies würde bedeuten, dass insgesamt nur etwa ein Prozent der Bevölkerung tatsächlich an einer aktuell bedeutsamen Penicillin-Allergie leidet.

Für diese Unterschiede finden die Autoren in erster Linie folgende Erklärungen:

  • In der Kindheit werden Hautausschläge infolge einer Virusinfektion oft als Penicillin-Allergie fehlgedeutet, wenn die Kinder unnötigerweise mit Antibiotika (die gegen Viren nicht wirksam sind) behandelt wurden.
  • Bei Patienten, bei denen eine Penicillin-Allergie mit Nachweis spezifischer IgE-Antikörper festgestellt wurde, sinkt die Zahl der Antikörper im Lauf der Jahre. Manchmal verschwinden sie sogar ganz. Bei den meisten Patienten fällt nach zehn Jahren der Hauttest wieder negativ aus. Sie könnten Penicillin wieder ohne Probleme einnehmen, denn das Risiko einer wiederholten Sensibilisierung ist gering.
  • Nicht immer sind allergische Reaktionen vom Soforttyp für eine Überempfindlichkeit gegenüber Penicillin verantwortlich. In einem Teil der Fälle handelt es sich um nicht-allergische unerwünschte Nebenwirkungen von Antibiotika, wie etwa Übelkeit, Erbrechen oder Durchfälle. Diese sind nicht lebensbedrohlich und können in der Regel gut behandelt werden. Ähnliches gilt für durch T-Lymphozyten vermittelte allergische Spätreaktionen, die in der Regel mit Hautausschlägen einhergehen.

Qualifizierte Diagnostik ist wichtig

Die Autoren empfehlen, vermutete Penicillin-Allergien mit standardisierten Allergietests zu überprüfen. Zum Nachweis einer IgE-vermittelten Allergie gegen Betalaktam-Antibiotika, zu denen die Penicilline zählen, stehen zuverlässige Testverfahren zur Verfügung. In Kombination mit einer sorgfältig erhobenen Krankengeschichte lässt sich damit feststellen, wer Penicilline und andere Betalaktam-Antibiotika problemlos einnehmen kann. Allerdings sollte dabei kein Testergebnis für sich alleine sondern immer alle Daten und Befunde gemeinsam beurteilt werden. Manchmal ist auch ein oraler Provokationstest zur Klärung notwendig.

Noch ein weiterer Grund spricht dafür, eine mögliche Penicillin-Allergie zu überprüfen: Antibiotika, die bei Patienten mit vermuteter Penicillin-Allergie alternativ eingesetzt werden, haben oft unnötigerweise ein breiteres Wirkspektrum als Penicilline. Die Autoren weisen darauf hin, dass der übermäßige und unnötige Einsatz solcher Breitspektrum-Antibiotika das Risiko für Antibiotika-Resistenzen (fehlende Empfindlichkeit von Bakterien gegenüber dem Wirkstoff) erhöht. Die Antibiotika sind dann nicht mehr wirksam. Im Extremfall sterben Menschen an Krankheiten, die mit bewährten Antibiotika bislang gut behandelbar waren. Antibiotika-Resistenzen gelten schon heute als weltweites Gesundheitsproblem. Sorgfältige Diagnostik im Einzelfall kann zu ihrer Eindämmung einen wichtigen Beitrag leisten.

 

Quellen:

Trubiano, J. et al.: Penicillin Allergy is not necessarily forever. In: JAMA, 2017; 318(1): 82-83

S2k-Leitlinie Allergologische Diagnostik von Überempfindlichkeitsreaktionen auf Arzneimittel. In: Allergo J Int, 2015; 24: 94

 

 

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