Alternative Diagnose-Methoden ohne belegbaren Nutzen

Manche Menschen sind lange Zeit auf der Suche nach den Ursachen beziehungsweise einer Erklärung für ihre allergischen Beschwerden. Dabei sind sie oft auch empfänglich für Angebote, die eine diagnostische Abklärung mittels unkonventioneller oder alternativmedizinischer Verfahren versprechen. Es gibt eine Vielzahl von Untersuchungsmethoden, die auf sehr unterschiedlichen Ansätzen beruhen.

Angehörige verschiedenster Berufsgruppen im Gesundheitswesen, darunter insbesondere Heilpraktiker, Naturheilern und andere, aber auch manche Ärztinnen und Ärzte führen alternativmedizinische Untersuchungen durch. Oder sie veranlassen, dass Proben von Blut, Haaren oder anderem Material der Testperson zur Untersuchung an ein Labor geschickt werden. Manche Labors bieten zudem meist über das Internet Testungen an, die die Patienten selbst in Auftrag geben können, ohne einen Arzt oder eine Ärztin einzuschalten. Darüber hinaus kann man übers Internet Testkits zum Selbsttesten bestellen.

Bei vielen der für allergologische Fragestellungen angebotenen unkonventionellen Untersuchungen ist der Nutzen allerdings nicht (ausreichend) wissenschaftlich belegt. Dazu zählen besonders häufig Testverfahren zur Abklärung bei Verdacht auf Nahrungsmittelallergie oder Nahrungsmittelunverträglichkeit.

GUT ZU WISSEN:

Fachleute warnen davor, unüberlegt Leistungen in Anspruch zu nehmen, ohne sich über den wissenschaftlich belegten Nutzen unkonventioneller Methoden zu informieren.

Häufig unnötige Kosten und Einschränkungen

Die Kosten für solche Untersuchungen werden zumindest von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht erstattet und müssen somit von den Patienten selbst bezahlt werden. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL). Viele dieser oft teuren Untersuchungen sind deshalb für die Betroffenen mit erheblichen Kosten verbunden.

Im Fall der Nahrungsmittel können Testergebnisse dazu führen, dass Patientinnen und Patienten ihre Ernährung durch Verzicht auf verdächtigte Lebensmittel unnötig einschränken. Dies beeinträchtigt nicht nur ihre Lebensqualität, sondern führt schlimmstenfalls auch zu Fehlernährung und Mangelerscheinungen, insbesondere bei Kindern. Zudem wird eine wirksame Behandlung möglicherweise verzögert oder verhindert, wenn sich die Betroffenen auf zweifelhafte Testergebnisse verlassen. Somit kann es nicht nur sinnlos und kostspielig, sondern sogar gefährlich sein, fragwürdige Untersuchungen durchführen zu lassen und die Therapie oder die Lebensweise danach auszurichten.

Fachleute aus der Allergologie warnen deshalb immer wieder davor, unüberlegt solche Leistungen in Anspruch zu nehmen, ohne sich über den wissenschaftlich belegten Nutzen unkonventioneller Methoden zu informieren. Unabhängig davon, ob eine medizinische Methode schul- oder komplementärmedizinisch ist, sollten ihr Nutzen und ihre Wirksamkeit hinreichend nachgewiesen sein und auf naturwissenschaftlichen Grundlagen beruhen, die dem aktuellen Stand des Wissens entsprechen. Zudem sollten die Ergebnisse reproduzierbar sein: Das heißt bei einer Wiederholung des Tests unter gleichen Versuchsbedingungen müssen die gleichen Ergebnisse erzielt werden und auch von einem unabhängigen Forschungsteam nachvollzogen werden können. Dies ist eine sehr wichtige und allgemein anerkannte Grundanforderung an wissenschaftliche Untersuchungen.

IgG-Bestimmung: nicht geeignet zur Diagnostik der Nahrungsmittelallergie

Ein Beispiel für eine häufig angebotene und durchgeführte Laboruntersuchung, die zumindest zur Abklärung einer Nahrungsmittelallergie/-unverträglichkeit nicht geeignet ist, ist die Bestimmung des Immunglobulin (Ig) der Klasse G (IgG) oder IgG4. Hierzu haben mehrere medizinische Fachgesellschaften aus dem deutschsprachigen Raum in einer gemeinsam erarbeiteten „Leitlinie zum Management IgE-vermittelter Nahrungsmittelallergien“ sowie in einer eigenen Leitlinie mit dem Titel „Keine Empfehlung für IgG- und IgG4-Bestimmungen gegen Nahrungsmittel“ eindeutig Stellung genommen. Die Untersuchung beruht zwar auf technisch anerkannten Verfahren und liefert tatsächliche Messwerte. Die Interpretation dieser Messwerte erfolgt jedoch bei Nahrungsmitteln nicht auf evidenzbasierten (beweisgestützten) Kriterien und ist daher irreführend. Sie ermöglicht keine Unterscheidung zwischen Menschen mit und ohne Nahrungsmittelallergie beziehungsweise -unverträglichkeit.

Im Einklang mit anderen europäischen, US-amerikanischen und kanadischen Fachverbänden raten die Verfasser der deutschsprachigen Leitlinien daher ausdrücklich von der Bestimmung spezifischer IgG- beziehungsweise IgG4-Antikörper in diesem Zusammenhang ab. In der Begründung heißt es, dass die Entwicklung von spezifischen IgG-Antikörpern gegen bestimmte Nahrungsmittel lediglich ein Anzeichen dafür ist, dass die betroffene Person wiederholt Kontakt mit dem entsprechenden Stoff gehabt hat. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine krankhafte, sondern eine „normale“ (physiologische) Reaktion des Immunsystems auf einen körperfremden Eiweißstoff, die bei Gesunden ebenfalls häufig nachweisbar ist. 

Weitere Testmethoden ohne belegbaren Nutzen

Die deutschsprachigen allergologischen Fachgesellschaften nennen in ihrer S1-Leitlinie „In-vitro-Diagnostik und molekulare Grundlagen von IgE-vermittelten Nahrungsmittelallergien“ weitere Beispiele für Untersuchungsmethoden, deren Nutzen zur Abklärung von Nahrungsmittelallergien/- unverträglichkeiten nach wissenschaftlichen Kriterien nicht belegt werden kann, darunter

  • Bioresonanz
  • Kinesiologie
  • Elektroakupunktur (verschiedene Methoden)
  • Irisdiagnostik
  • Zytotoxischer Leukozytentest/Lebensmitteltest (ALCAT Test)

Bei Bioresonanztechniken wird die Testperson mit Elektroden-Kabeln an ein spezielles Gerät angeschlossen. Hierbei sollen feine biophysikalische Schwingungen gemessen werden, welche auf Belastungen oder Störungen hinweisen. Klinische Studien ergaben keine Hinweise darauf, dass die Methode für die Diagnostik von Allergien geeignet ist. Aus Stellungnahmen von Physikern und anderen Fachleuten geht zudem hervor, dass die physikalischen Grundlagen für das Verfahren wissenschaftlich nicht anerkannt sind.  

Die (angewandte) Kinesiologie beruht auf der Testung von Muskelspannungen, die Hinweise auf Belastungen im Körper etwa durch eine Allergie geben soll. Dabei soll die Berührung mit einer vom Körper nicht vertragenen Substanz (selbst wenn diese sich in einer Hülle oder in einem Glasgefäß befindet) zu Änderungen der Muskelspannung führen. Diese sollen dann durch ein spezielles Gerät oder einen erfahrenen Kinesiologen gemessen beziehungsweise wahrgenommen werden.
Eine kleine doppelblinde Studie, bei der die Methode an Patientinnen und Patienten mit nachgewiesener Wespengiftallergie getestet wurde, ergab keine höhere Trefferwahrscheinlichkeit als durch zufälliges Raten. 

Die Elektroakupunktur beruht auf der Messung von Strömen an bestimmten Akupunkturpunkten oder Leitbahnen (Meridiane). Diese werden bestimmten Organen oder Funktionen zugeordnet. Ein Gerät (Galvanometer) misst die elektrische Spannung zwischen verschiedenen Punkten (elektrische Potenzialunterschiede). Man geht davon aus, dass die Messwerte sich ändern, wenn ein Allergen in den Stromkreis eingebracht wird.
Eine randomisierte, doppelblinde Vergleichsstudie mit Freiwilligen zeigte keine Übereinstimmung der Ergebnisse mit denen eines herkömmlichen Pricktests und ermöglichte keine Unterscheidung zwischen Probanden mit und ohne Atopie. Fachleute gehen daher davon aus, dass diese Methode keinen Rückschluss auf einen ursächlichen Zusammenhang mit einer Allergie oder Unverträglichkeit zulässt.

Bei der Irisdiagnostik (Augendiagnostik) werden sogenannte Irisphänomene, das heißt Farbe Dichtigkeit oder sonstige Anzeichen der Regenbogenhaut (Iris) des Auges in Zusammenhang gebracht mit bestimmten Funktionsstörungen oder Krankheiten. Diese Methode beruht im Wesentlichen auf der Beobachtung des Untersuchers.

Der zytotoxische Leukozytentest oder Leukozytenaktivierungstest (auch unter der Abkürzung ALCAT) wird als Methode zur Diagnostik von Nahrungsmittelunverträglichkeiten angeboten. Er beruht auf der Vorstellung, dass die Beschwerden durch entzündliche Reaktionen auf die Einnahme bestimmter Lebensmittel verursacht werden, wobei sich die weißen Blutzellen (Leukozyten) verändern. Wird das Blut einer Testperson mit entsprechenden Lebensmittelextrakten gemischt, sollen sich diese Veränderung messen lassen.   

Letzte Aktualisierung: 28.01.2019 / Quellen
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Die hier aufgeführten Leitlinien und Aufsätze richten sich, so nicht ausdrücklich anders vermerkt, an Fachkreise. Ein Teil der hier angegebenen Aufsätze ist in englischer Sprache verfasst.

Quellen:

Leitlinien und Stellungnahmen zu fragwürdigen und/oder nutzlosen diagnostischen Methoden bei Nahrungsmittelallergie:

Kleine-Tebbe, J., et al.: S1-Leitlinie „Keine Empfehlung für IgG- und IgG4-Bestimmungen gegen Nahrungsmittel“. In: Allergo J 2009; 18: 267-273  

Worm, M., et al. S2k-Leitlinie zum Management IgE-vermittelter Nahrungsmittelallergien. In: Allergo J Int 2015; 24: 256

Kleine-Tebbe, J. et al.: S1-Leitlinie zur in-vitro-Diagnostik und molekulare Grundlagen von IgE-vermittelten Nahrungsmittelallergien. In: Allergo J 2009; 18: 132–46

 

Weitere Quellen:

Dorsch, W., Ring, J.: Komplementärmethoden oder sogenannte Alternativmethoden in der Allergologie. In: Allergo J 2002; 3: 163–70

Kleine-Tebbe, J. et al.: Nahrungsmittelallergie und -unverträglichkeit: Bewährte statt nicht evaluierte Diagnostik. In: Dtsch Ärztebl 2005; 102: A 1965-1969

Lewith, G.T., et al.: Is electrodermal testing as effective as skin prick tests for diagnosing allergies? A double blind, randomised block design study. BMJ 2001; 322: 131-134

Lüdtke, R., et al.: Test-retest-reliability and validity of he kinesiology muscle test. In: Complementary Therapies in Medicine 2001; 9: 141–145

Wüthrich, B., et al.: Bioresonanz – diagnostischer und therapeutischer Unsinn. In: Allergo J 2006; 15: 338–343

Wüthrich, B.: «Unproven» Tests bei Nahrungsmittel-Intoleranzen (Teil 1). In: der informierte arzt 2014; 2: 33-36

Wüthrich, B.: «Unproven» Tests bei Nahrungsmittelintoleranzen (Teil 2). In: der informierte arzt 2014; 3: 39-43 

Letzte Aktualisierung:
28.01.2019

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