Allergie-Behandlung in der Schwangerschaft

Wissenschaftliche Beratung: Dr. Katja Nemat

Das bewusste Meiden von Allergenen (Allergenkarenz) ist in der Schwangerschaft von besonderer Bedeutung. Teilweise wird es damit möglich, auf medikamentöse Behandlungen komplett zu verzichten. Maßnahmen der Allergenkarenz bei Pollenallergien sind zum Beispiel:

  • Fenster und Türen während des Pollenflugs geschlossen halten
  • Aktivitäten im Freien während der Pollensaison tagsüber reduzieren
  • Tragen einer Sonnenbrille als Schutz vor Pollen
  • Duschen und Haarewaschen vor dem Zubettgehen, tagsüber getragene Kleidung nicht im Schlafzimmer aufbewahren

Bei einer Hausstaubmilbenallergie sind Encasings – Milben-dichte Zwischenbettbezüge für Matratze, Kopfkissen und Bettdecke – die wichtigste Maßnahme der Allergenkarenz.

Tierhaarallergikerinnen sollten auf den Kontakt mit dem allergieverursachenden Tier verzichten. Unabhängig vom Allergen kann eine Nasendusche helfen, die allergenhaltigen Stoffe aus der Nase zu spülen und die Nasenschleimhaut abzuschwellen.

Behandlung mit Medikamenten in der Schwangerschaft möglich

Lindern solche Vermeidungsmaßnahmen die  Beschwerden nicht ausreichend, können einige Medikamente zur innerlichen oder äußerlichen Anwendung auch in der Schwangerschaft sicher eingenommen werden.

Problematisch ist hierbei, dass einige Arzneimittelwirkstoffe die Plazentaschranke überwinden und in den Blutkreislauf des ungeborenen Kindes gelangen können. Deshalb sollte jede Medikamenteneinnahme in der Schwangerschaft mit einem Arzt oder einer Ärztin besprochen und das Verhältnis von Nutzen und möglichen Risiken abgewogen werden. Gleiches gilt auch für die Einnahme von Arzneimitteln während der Stillzeit, denn viele Wirkstoffe treten in die Muttermilch über.

Kurz erklärt:

Mediziner bezeichnen das ungeborene Kind je nach Entwicklungsstadium unterschiedlich: 

1.-3. Woche: Embryoblast

1. Trimester: Embryo

ab dem 2. Trimester: Fetus

Wirkung von Medikamenten auf das Kind abhängig vom Entwicklungsstadium

Um zu verstehen, wie sich Arzneimittel in der Schwangerschaft auf das Ungeborene auswirken können, sind einige grundlegende Kenntnisse darüber hilfreich, wie sich das Kind entwickelt: Bereits im ersten Schwangerschaftsdrittel werden die Organe angelegt. Während dieses Prozesses reagiert das ungeborene Kind besonders empfindlich auf äußere Einflüsse wie Medikamente.

Im zweiten und dritten Drittel reifen die Organe immer weiter aus. Außerdem wächst das Kind: im dritten bis fünften Monat vor allem in die Länge. In den letzten drei Schwangerschaftsmonaten nimmt es hauptsächlich an Gewicht zu.
 

Grafik zeigt 9 Stadien der Embryonalentwicklung in der Schwangerschaft
© lom123 - stock.adobe.com

In den ersten zwei Wochen der Schwangerschaft gilt das sogenannte Alles-oder-Nichts-Prinzip. Zu diesem Zeitpunkt wissen viele Frauen noch nicht, dass sie schwanger sind und nehmen daher ihre Medikamente wie gewohnt ein. Wird der Embryoblast dadurch geschädigt, stößt der Körper ihn ab – oft ohne dass die Schwangerschaft überhaupt bemerkt wurde.

Bei einem Embryo können Medikamente zu Fehlbildungen des Körpers (z.B. der Gliedmaßen) und der Organe führen. Diese Eigenschaft wird in der Gebrauchsinformation (Beipackzettel) durch den Hinweis „teratogen“ gekennzeichnet. Arzneimittel, die den Fetus schädigen, erhalten dagegen die Bezeichnung „fetotoxisch“. Im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel können Medikamente die Organreifung beeinträchtigen.

Arzneimittelwirkung auf die Mutter kann sich verändern

Wenn es um Arzneimittel in der Schwangerschaft geht, denken viele Menschen vorwiegend an die möglichen Folgen für das Ungeborene. Doch auch die Frauen selbst können während der Schwangerschaft anders auf ein Medikament reagieren als sonst. Die Veränderungen beeinflussen, wie der Körper den Wirkstoff aufnimmt, verteilt und verstoffwechselt und können somit die Wirksamkeit beeinträchtigen.

Durch die Hormonumstellung entleert sich zum Beispiel der Magen verzögert. Bei Medikamenten, die oral (über den Mund) eingenommen werden, dauert es daher länger, bis der Wirkstoff im Blut ankommt. Durch diesen langsameren Anstieg bleibt die maximal vorhandene Wirkstoffdosis geringer. Auch die in der Frühschwangerschaft häufig auftretende Übelkeit bis hin zum Erbrechen kann den Wirkstoffspiegel senken. 

Wissenschaftliche Beratung

Dr. Katja Nemat

Ärzteverband Deutscher Allergologen (AeDA)

c/o Kinderzentrum Dresden-Friedrichstadt

E-Mail: katjanoSp@m@nemat.de

Quellen:

Die hier aufgeführten Leitlinien und Aufsätze richten sich, so nicht ausdrücklich anders vermerkt, an Fachkreise. Ein Teil der hier angegebenen Aufsätze ist in englischer Sprache verfasst.

  • Ambros-Rudolph, CM., Sticherling, M.: Spezifische Schwangerschaftsdermatosen. In: Hautarzt, 2017, 68: 87-94
  • Bundesärztekammer et al.: Nationale VersorgungsLeitlinie Asthma (in Überarbeitung) (Letzter Abruf: 10.10.2018)
  • Chi CC. et al.: Safety of topical corticosteroids in pregnancy. In: Cochrane Database of Systematic Reviews, 2015, 10. Art. No.: CD007346. DOI: 10.1002/14651858.CD007346.pub3
  • Constantine, MM.: Physiologic and pharmacokinetic changes in pregnancy. In: Frontiers in Pharmacology, 2014, 5: 65, doi: 10.3389/fphar.2014.00065
  • Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin et al.: S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von Patienten mit Asthma (Letzter Abruf: 10.10.2018)
  • Gonzalez-Estrada, A. et al.: Allergy Medication During Pregnancy. In: Am J Med Sci, 2016, 352(3): 326-331
  • Grieger, JA. et al.: In utero Programming of Allergic Susceptibility. In: Int Arch Allergy Immunol, 2016, 169: 80-92
  • Mor, G. et al.: The unique immunological and microbial aspects of pregnancy. In: Nature Reviews, 2017, 17: 469-482
  • Namazy, JA. et al.: The Treatment of Allergic Respiratory Disease During Pregnancy. In: J Investig Allergol Clin Immunol, 2016, 26(1): 1-7
  • Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryotoxikologie der  Charité-Universitätsmedizin Berlin: Allergien (Letzter Abruf: 10.10.2018)
  • Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryotoxikologie der  Charité-Universitätsmedizin Berlin: Informationen zu Medikamenten (Letzter Abruf: 10.10.2018)
  • Pali-Schöll, I. et al.: Allergic diseases and asthma in pregnancy, a secondary publication. In: World Allergy Organ J, 2017, 10(1):10
  • Pitsios, C. et al.: Clinical contraindications to allergen immunotherapy: an EAACI position paper. In: Allergy, 2015, 70: 897-909
  • Ring, J. et al.: S2-Leitlinie zu Akuttherapie und Management der Anaphylaxie. In: Allergo J Int, 2014, 23: 96-112
  • Rote Liste – Arzneimittelverzeichnis Deutschland (Hrsg.): Arzneimittel in Schwangerschaft und Stillzeit, Beratungsstellen. (Letzter Abruf: 10.10.2018)
  • Schäfer, T. et al.: S3-Leitlinie Allergieprävention – Update 2014. In: Allergo J Int, 2014, 23: 186-199
  • Simons, FER. et al.: Anaphylaxis during pregnancy. In: J Allergy Clin Immunol, 2012, 130: 597-606
  • Trautmann, A., Kleine-Tebbe, J. (2013): Allergologie in Klinik und Praxis; Allergene – Diagnostik – Therapie. -2., vollständig überarbeitete und erweiterte Aufl. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, ISBN: 978-3-13-142182-1
  • Zuberbier, T. et al.: The EAACI/GA²LEN/EDF/WAO Guideline for the Definition, Classification, Diagnosis and Management of Urticaria. The 2017 Revision and Update. In: Allergy 2018; 73(7):1393-1414

Letzte Aktualisierung:

10.09.2018