Arzneimittelallergie: Forschungsansätze

Viele Menschen gelten fälschlicherweise ihr ganzes Leben lang als allergisch gegen Antibiotika. Forscherinnen und Forscher stellen daher die Frage, ob man in der Diagnostik von Antibiotika-Allergien bei leichten Exanthemen auf die teils schmerzhaften und unzuverlässigen Hauttests nicht gleich verzichten und stattdessen die Patienten sofort und routinemäßig einem Provokationstest in einer Klinik unterziehen sollte. Die Fehldiagnose einer Antibiotikaallergie hat große Nachteile, sowohl für die Patienten selbst, als auch für das Gesundheitssystem.

Zwischen einem und fünf Prozent aller Asthmatiker leiden unter einer Unverträglichkeit gegenüber gängigen nonsteroidalen Entzündungshemmern (NSAIDs, NSARs). Auch in der Allgemeinbevölkerung gibt es Patienten mit allergischen und pseudoallergischen Soforttyp-Reaktionen auf NSAIDs. Bekannte Wirkstoffe dieser Gruppe sind Acetylsalicylsäure (ASS), Diclofenac und Naproxen. Diese Mittel sind weit verbreitet und teilweise rezeptfrei. Sie wirken, indem sie die Entzündungsbotenstoffe COX-1 und-2 blockieren. Studien haben ergeben, dass die meisten allergischen Reaktionen auf NSAIDs wegen der Hemmung des Botenstoffs COX-1 auftreten. Jetzt stellen Forscherinnen und Forscher die Frage, ob sich eine vor etwa 20 Jahren entwickelte Medikamentengruppe, die nur COX-2 blockiert (COX-2-Hemmer), für diese Menschen eignen würde. Nur ein sehr kleiner Teil der Patienten reagiert auch mit Unverträglichkeit auf COX-2-Hemmer. Was diese kleine Gruppe von allen anderen unterscheidet, ist nach wie vor unklar.

In der Diagnostik von Arzneimittelallergien sind noch wichtige Fragen offen. So weiß man zum Beispiel, dass eine Antibiotika-Allergie im Laufe des Lebens meist wieder verschwindet. Einige Forschungsteams wollen jetzt herausfinden, weshalb das so ist. Bei Carboplatin, einem verbreiteten Wirkstoff zur Bekämpfung von Krebserkrankungen, zeigen Patienten nach einer durchgemachten allergischen Reaktion sehr schnell keine Hautreaktionen mehr, obwohl die Allergie noch vorhanden ist.

HLA-Typisierung

Ein weiterer Ansatz, Arzneimittelallergien besser zu verstehen, ist die HLA-Typisierung. Darunter versteht man die Untersuchung der Oberfläche von weißen Blutkörperchen nach bestimmten Merkmalen. Das humane Leukozyten-Antigen (HLA) –System umfasst eine Gruppe von Genen, die wichtig für die Funktion des Immunsystems sind. Ein Beispiel ist die Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff Abacavir, der bei HIV-Infektionen eingesetzt wird. Das Phänomen verschwand fast völlig, nachdem Forscher festgestellt hatten, dass Patienten mit einem bestimmten Leukozyten-Merkmal (HLA-B*57:01) Abacavir nicht bekommen sollten. Allerdings zeigt nur etwa die Hälfte der Patienten mit diesem Merkmal überhaupt allergische Symptome gegen Abacavir. Warum, ist unklar.

Es sind heute schon viele andere Beispiele für einen Zusammenhang zwischen bestimmten HLA-Merkmalen und allergischen Reaktionen auf bestimmte Wirkstoffe bekannt. Ein plausibler nächster Schritt könnte nach Ansicht von Forschern sein, eine präventive Typisierung durchzuführen, um Personengruppen herauszufiltern, die aufgrund ihrer HLA-Merkmale besonders anfällig für schwere Reaktionen auf einen bestimmten Wirkstoff sind.

Sensibilisierungen gegen Kohlehydrate möglich

Normalerweise wird das Immunsystem beim Erstkontakt mit dem Allergen sensibilisiert; allergische Symptome entstehen erst bei einer weiteren Begegnung des Immunsystems mit dem Wirkstoff. Nach diesem Muster funktioniert zum Beispiel die Soforttypallergie bei Penicillinen. Der Wirkstoff Cetuximab, ein neuartiges Krebsmedikament aus der Gruppe der EGFR-Inhibitoren, kann hingegen schon beim Erstkontakt allergische Symptome hervorrufen. Dies geschieht offenbar bei Patienten, die vorher gegen ein bestimmtes Kohlenhydrat (Galaktose-alpha-1,3-Galaktose) sensibilisiert wurden. Zumeist wurde diese Sensibilisierung durch Zeckenbisse erworben. Dass Sensibilisierungen gegen Kohlenhydrate bei Allergien eine Rolle spielen können, war bis zu dieser Forschungsarbeit völlig unbekannt.

Letzte Aktualisierung: 14. November 2018 / Quellen
Schließen
Quellen:
  • Bircher, AJ. et al.: Approach to the Patient with a Drug Hypersensitivity Reaction – Clinical Perspectives. In: Pichler, WJ (hrsg.): Drug Hypersensitivity, Basel 2007, S. 352-365
  • Bircher, AJ: Arzneimittelallergie. In: Manuale allergologicum, 4. Auflage München 2016, S. 703-740
  • Brockow K. et al.: Allergische und pseudoallergische Arzneireaktionen, in Ring, J.: Weißbuch Allergie in Deutschland, München 2010
  • Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): Informationsdienst gesundheitsinformationen.de: Medikamentenallergie. (letzter Abruf 17.04.18)
  • Jörg, L. et al.: Allergie auf Penicillin. In: Schweizerisches Medizin-Forum 2017; 17(10):236–240
  • Lange, L., Gernert, S.: Diagnostik der Medikamentenallergie. In: Pädiatrische Allergologie  2/2017,  6-12
  • Sachs, B. et al.: Diskrepanzen zwischen berichteter und verifizierter Penicillinallergie. Mögliche Implikationen für den Patienten und das Gesundheitssystem. In: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte / Paul-Ehrlich-Institut hrsg.: Bulletin zur Arzneimttelsicherheit, März 2018, S. 4-11
  • Thong, B., Vervloet, D.: Drug Allergies. WAO allergic disease resource center, updated 2014, (letzter Abruf 14.11.2018)
Letzte Aktualisierung:
14. November 2018

Die hier aufgeführten Leitlinien und Aufsätze richten sich, so nicht ausdrücklich anders vermerkt, an Fachkreise. Ein Teil der hier angegebenen Aufsätze ist in englischer Sprache verfasst.

Wir verwenden Cookies um Ihnen den Besuch der Webseite so angenehm wie möglich zu machen. Wir benötigen Cookies um die Dienste ständig zu verbessern, bestimmte Features zu ermöglichen und wenn wir Dienste bzw. Inhalte Dritter einbetten, wie beispielsweise den Videoplayer. Durch die Nutzung unserer Webseite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Wir verwenden unterschiedliche Arten von Cookies. Hier haben Sie die Möglichkeit, Ihre Cookie-Einstellungen zu personalisieren:

Einstellung anzeigen.
In unserer Datenschutzerklärung finden Sie weitere Informationen.

Dort können Sie Ihre Cookie-Einstellungen jederzeit ändern.