Wie verbreitet sind Arzneimittelallergien?

Nach Angaben der World Allergy Organization (WAO) sind drei bis sechs Prozent aller Krankenhaus-Einweisungen auf unerwünschte Arzneimittelreaktionen zurückzuführen. Der Anteil der Allergien gegen Medikamente liegt bei weniger als zehn Prozent aller unerwünschten Reaktionen. Verbreitungsdaten sind also bei Arzneimittelallergien mit besonderer Skepsis zu betrachten. Zahlen beziehen sich häufig auf alle unerwünschten Arzneimittelreaktionen, ohne nach Nebenwirkungen des Medikaments, Allergien und anderen Unverträglichkeiten zu differenzieren. Nicht selten beruhen Angaben zu Arzneimittelallergien auch auf Erinnerungen, die nie mit einer medizinischen Diagnose abgesichert worden sind.

Das Phantom „Penicillinallergie“

Vielfach belegt ist dies für die Penicillinallergie. In den USA haben etwa zehn Prozent aller Patienten in ihren Akten den Vermerk „Penicillinallergie.“ Zwischen 85 und 90 Prozent dieser Patienten vertragen jedoch bei einer akuten Behandlung Penicilline sowie andere Antibiotika ohne Probleme. Wie ist das zu erklären? Bereits 2004 unterzogen Würzburger Ärzte 325 Patienten, die angaben, unter einer Penicillinallergie zu leiden, einer Reihe ausführlicher allergologischer Tests. Ergebnis: Mehr als 75 Prozent (246 Patienten) zeigten keinerlei Merkmale einer Penicillinallergie. Befragungen ergaben, dass bei 33 Prozent der Patienten die vermutete allergische Reaktion mehr als sechs Jahre zurücklag; weitere vier Prozent hatten den genauen Zeitpunkt vergessen. Positive Reaktionen auf Blut- und Hauttests klingen aber mit der Zeit vielfach ab.

Bei 52 Patienten wurde in der Studie eine Penicillinallergie festgestellt. Die Tests zeigten aber auch, dass die alternative Wirkstoffgruppe der Cephalosporine bei allen ohne Probleme anwendbar war. Genauso vertrugen 25 Patienten, die eine Allergie gegen Aminopenicilline hatten, Penicillin G und V sowie Cephalosporine, ohne Symptome zu zeigen.

Eine gute Diagnostik ist ratsam, damit Penicilline nicht grundlos gemieden werden. Alternativmedikamente zu Penicillinen können weniger wirksam sein oder mehr Nebenwirkungen nach sich ziehen.

In Kürze

Viele Menschen glauben fälschlicherweise, dass sie eine Penicillinallergie haben.

Letzte Aktualisierung: 14. November 2018 / Quellen
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Quellen:
  • Bircher, AJ. et al.: Approach to the Patient with a Drug Hypersensitivity Reaction – Clinical Perspectives. In: Pichler, WJ (hrsg.): Drug Hypersensitivity, Basel 2007, S. 352-365
  • Bircher, AJ: Arzneimittelallergie. In: Manuale allergologicum, 4. Auflage München 2016, S. 703-740
  • Brockow K. et al.: Allergische und pseudoallergische Arzneireaktionen, in Ring, J.: Weißbuch Allergie in Deutschland, München 2010
  • Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): Informationsdienst gesundheitsinformationen.de: Medikamentenallergie. (letzter Abruf 17.04.18)
  • Jörg, L. et al.: Allergie auf Penicillin. In: Schweizerisches Medizin-Forum 2017; 17(10):236–240
  • Lange, L., Gernert, S.: Diagnostik der Medikamentenallergie. In: Pädiatrische Allergologie  2/2017,  6-12
  • Sachs, B. et al.: Diskrepanzen zwischen berichteter und verifizierter Penicillinallergie. Mögliche Implikationen für den Patienten und das Gesundheitssystem. In: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte / Paul-Ehrlich-Institut hrsg.: Bulletin zur Arzneimttelsicherheit, März 2018, S. 4-11
  • Thong, B., Vervloet, D.: Drug Allergies. WAO allergic disease resource center, updated 2014, (letzter Abruf 14.11.2018)
Letzte Aktualisierung:
14. November 2018

Die hier aufgeführten Leitlinien und Aufsätze richten sich, so nicht ausdrücklich anders vermerkt, an Fachkreise. Ein Teil der hier angegebenen Aufsätze ist in englischer Sprache verfasst.

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