Forschungsansätze bei allergenspezifischer Immuntherapie

Personalisierte spezifische Immuntherapie

Die personalisierte oder individualisierte Therapie ist ein wichtiges Forschungsgebiet bei der (Allergen-)spezifischen Immuntherapie (Hyposensibilisierung). Beobachtungen zeigen, dass die Erfolgsraten der Hyposensibilisierung nicht bei allen Menschen gleich sind. So bemerken viele Patientinnen und Patienten bereits im ersten Therapiejahr deutlich spürbare Besserungen ihrer Symptome und benötigen immer weniger Medikamente. Manche Betroffene hingegen sprechen erst im Laufe einer längeren Therapiedauer von zwei bis drei Jahren merklich an. Dies ist wenig ermutigend und hält die Patienten mitunter davon ab, die Therapie weiter fortzusetzen. Seit vielen Jahren sucht man deshalb nach Faktoren, sogenannten Biomarkern, die vorhersagen, welche Personen gut auf die Therapie ansprechen werden. Aus Studien gibt es bereits vielversprechende Hinweise auf solche Biomarker. Für die Routineanwendung stehen bislang allerdings noch keine Tests zur Verfügung.

Allergenspezifische Immuntherapie bei Nahrungsmittelallergie

Mit Zunahme der Nahrungsmittelallergien gewann in der Forschung die spezifische Immuntherapie bei Nahrungsmittelallergien an Bedeutung. Sie verläuft prinzipiell ähnlich wie die spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) etwa bei Pollenallergie. Sie beruht darauf, dass Betroffene jeden Tag Kontakt haben mit allmählich steigenden Mengen des Nahrungsmittels, gegen das sie allergisch sind.

Derzeit untersucht man beim Menschen verschiedene Anwendungsmethoden der spezifischen Immuntherapie, darunter die Verabreichung über den Mund (oral), unter der Zunge (sublingual), auf der Haut (epikutan) oder als Injektion unter die Haut (subkutan). Dazu setzt man verschiedenartige Allergen-Präparate ein. Manche werden zuvor gezielt (bio-)chemisch verändert. Es gibt vielversprechende Fortschritte mit veränderten Eiweißmolekülen (Proteinen) oder Kombinationen anderen Therapien, welche die spezifische Immuntherapie sicherer und besser wirksam machen sollen. Doch bisher sind diese Präparate nicht für die Routineanwendung geeignet.

Am besten untersucht ist die orale Immuntherapie (OIT) bei Nahrungsmittelallergie, und zwar insbesondere bei Erdnussallergie. Hierbei wird das Allergen über den Mund (oral) aufgenommen. Die Patientin oder der Patient isst steigende Mengen des Nahrungsmittels, gegen das sie/er allergisch ist. Dabei kann beispielsweise eine genau bestimmte, abgemessene Menge an Allergen (zum Beispiel Erdnussmehl) in Joghurt gerührt und verzehrt werden. Die Menge des Erdnussmehls wird streng nach Protokoll und unter hohen Sicherheitsvorkehrungen langsam gesteigert. Dies alles erfolgt unter ärztlicher Aufsicht in der Klinik oder in einem Studienzentrum. Unter bestimmten Umständen, etwa bei starken allergischen Symptomen aufgrund der Allergenaufnahme, muss man die Menge im Verlauf wieder reduzieren, bevor man sie wieder steigern kann, bis zu einer sogenannten Erhaltungsdosis.

 

Immuntherapie per Pflaster

Eine andere Methode verwendet Allergen-beschichtete Pflaster, die auf der Haut verbleiben und täglich erneuert werden. Durch Verlängerung der Kontakt-/Klebezeit auf der Haut bis zu 24 Stunden, soll auch hier eine Steigerung des Allergenkontaktes erreicht werden. Dieses Verfahren nennt man epikutane Immuntherapie, abgekürzt EPIT. Es wird derzeit unter anderem ebenfalls bei der Erdnussallergie in Studien geprüft.

Ziel beider Methoden ist es, die allergische Reaktion des Immunsystems auf das Allergen zu verringern. Es soll eine immunologische Toleranz erreicht werden. Das heißt, dass die Immunantwort gegenüber der Allergenquelle ausbleiben oder zumindest viel schwächer werden soll. Gelingt dies, vertragen Betroffene gewisse Mengen des Allergens, ohne dass es zu unerwünschten Reaktionen kommt. Dies scheint bei der OIT besser zu funktionieren als bei der EPIT. Allerdings werden bei der EPIT weniger schwere Nebenwirkungen beobachtet. Ob diese Therapien jedoch auch langfristig zu einer „Gewöhnung“ oder Toleranz gegenüber diesem Nahrungsmittel führen, ist bislang nicht nachgewiesen.

Das Auftreten auch von schweren allergischen Reaktionen bis hin zu einem anaphylaktischen Schock ist bekannt, insbesondere bei einer Erdnussallergie. Daher muss die Patientin/der Patient und dessen Umfeld immer im Umgang mit Notfall-Maßnahmen und den Notfallmedikamenten gut geschult sein.

Beide Therapieformen sind derzeit nicht zugelassen. Allerdings ist die Entwicklung mittlerweile weit fortgeschritten (Prüfung in Phase-III-Studien). Daher ist mit einer Zulassung von bestimmten Therapieprodukten zur OIT und/oder EPIT bei der Erdnussallergie in absehbarer Zeit zu rechnen.

Das Verhältnis von Nutzen und Risiken einer Hyposensibilisierung bei Nahrungsmittelallergie ist unterschiedlich. Es hängt unter anderem von der Art der Therapie und dem betreffenden Allergen ab. Alter, Grad der Sensibilisierung und andere (Begleit-)Erkrankungen können dieses Verhältnis beim Einzelnen zusätzlich beeinflussen.

Auf Basis der vorliegenden Daten darf die spezifische Immuntherapie bei Nahrungsmittelallergie nur im Rahmen von klinischen Studien und an Zentren durchgeführt werden, die über umfangreiche Erfahrungen damit verfügen.

Letzte Aktualisierung: 06.12.2018 / Quellen
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Quellen:

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  • Trautmann A., Kleine-Tebbe J.: Allergologie in Klinik und Praxis. Thieme Verlag Stuttgart, 3. Aufl. 2018. ISBN9873131421838 
Letzte Aktualisierung:
06.12.2018

Die hier aufgeführten Leitlinien und Aufsätze richten sich, so nicht ausdrücklich anders vermerkt, an Fachkreise. Ein Teil der hier angegebenen Aufsätze ist in englischer Sprache verfasst.

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