Wissenschaftliche Beratung: Prof. Dr. Karl-Christian Bergmann

Reisen mit Allergien - so können sie gelingen

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Hafen ansicht von Salo am Gardasee, mit Bergen im Hintergrund

Auch Menschen mit Allergien müssen nicht auf eine Urlaubsreise verzichten. Nicht nur die Betroffenen, sondern auch Fluggesellschaften, Bahn- und Busunternehmen oder Hotels setzen sich zunehmend mit dem Thema auseinander. Dass es nicht um Einzelfälle geht, zeigen diese Zahlen aus dem Flugverkehr:

  • Pro Jahr steigen etwa 2,5 Milliarden Menschen in ein Flugzeug.
  • In etwa 44.000 Fällen kommt es während des Fluges zu einem medizinischen Notfall. 
  • Anders ausgedrückt: Einer unter 11.000 Passagieren erlebt so eine Ausnahmesituation.
  • Ein medizinischer Notfall kommt rechnerisch unter 604 Flügen einmal vor, also jeden Tag irgendwo auf der Welt.

Unter den häufig vorkommenden medizinischen Problemen an Bord eines Fliegers liegen Allergien an 7. Stelle, Asthmaanfälle an 14. Hierbei spielt auch eine Rolle, dass der Druck in der Kabinenluft um 25 bis 30 Prozent geringer ist als auf Meereshöhe. Dies kann das Risiko von Atemwegsproblemen leicht erhöhen. Ernstere Zwischenfälle bis hin zur Anaphylaxie sind meist das Resultat einer Nahrungsmittel- oder Medikamentenallergie. Wer unter einer solchen Allergie leidet und eine Reisekrankenversicherung abschließt, sollte darauf achten, dass die Versicherungsgesellschaft auch bei Anaphylaxie und anderen schweren allergischen Reaktionen für die Kosten aufkommt.

Eine sorgfältige Vorbereitung erleichtert Allergikern das Reisen und den Aufenthalt auch in weit entfernten Ländern. Im Folgenden haben wir für die gängigsten allergischen Erkrankungen eine Reihe nützlicher Hinweise zusammengestellt:

Allgemeine Vorbereitungen

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Reiseapotheke. Die richtigen Medikamente sind bei Reisen mit Allergien besonders wichtig

Vor der Reise:

  • Fluglinie, Reiseveranstalter und Hotel über die Allergie informieren
  • Medikamenten- oder Notfallsets gemeinsam mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt zusammenstellen. Dieses sollte ein Antihistaminikum enthalten, auch wenn zuhause keine Medikamente notwendig sind. Denn Allergien können sich am Urlaubsort auch verstärken.
  • Insbesondere bei potentiell lebensbedrohlichen Allergien einen Allergiepass mitführen
  • Prüfen, ob rezeptfreie Allergiemedikamente auch vor Ort gekauft werden können. Rezeptpflichtige Medikamente immer mitnehmen.
  • Alle medizinischen Dokumente, die im Notfall wichtig sind, ggf. auch in der Landessprache des Reiseziels, mitführen sowie in doppelter Ausführung einpacken und getrennt voneinander aufbewahren. So ist man bei Fragen immer gewappnet.
  • Bedarfsmedikamente immer im Handgepäck griffbereit mitführen
  • ggf. Reisebegleitung im Umgang mit dem Adrenalin-Autoinjektor schulen (lassen).
  • Möglichkeiten der ärztlichen Notfallversorgung während der Reise bzw. am Urlaubsort klären (z. B. bei Asthma)

Bei allergischer Rhinitis und Asthma aufgrund einer Allergie gegen Pollen, Hausstaubmilben, Tiere oder Schimmelpilze

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Butterblumen auf Bergwiese vor schneebedeckten Gipfeln

Vor der Reise:

  • Reiseziel-Recherche: Wann ist das (Pollen-) Allergen am Zielort aktiv?
  • Gräser blühen zum Beispiel am Mittelmeer früher als in Deutschland. In Nordeuropa fliegen Pollen von Gräsern, Bäumen und Getreide dagegen später. Auch innerhalb Deutschlands gibt es Unterschiede: Im Südwesten beginnt die Pollensaison etwas früher als im Nordosten.
  • Birkenpollen treten in Skandinavien stark auf, in Südwesteuropa, dem südlichen Mittelmeerraum und den Kanaren dagegen kaum.
  • Island ist als Reiseziel günstig für Allergiker, weil es dort kaum Bäume gibt und die Zeit der Gräserblüte sehr kurz ist. Ähnliches gilt für Bergregionen oberhalb von 1500 bis 2000 Metern.
  • In den Bergen gibt es oft deutlich weniger Hausstaubmilben. Allerdings ist deren Vorkommen nicht nur von der Meereshöhe abhängig, sondern z. B. auch von Alter, Bauweise und Reinigung des Gebäudes.
  • Ölbäume und Zypressengewächse sind häufige Allergieauslöser in mediterranen Gegenden. Zypressen produzieren Pollen selbst im Winter.
  • Betroffene, bei denen gerade eine allergenspezifische Immuntherapie (AIT, Hyposensibilisierung) durchgeführt wird, sollten frühzeitig den behandelnden Arzt oder die Ärztin von der geplanten Reise informieren, damit eine individuelle Beratung stattfinden kann. Bei einer subkutanen spezifischen Immuntherapie (mit Spritzen) müssen die Injektionstermine beziehungsweise das Injektionsintervall gegebenenfalls mit den Reiseterminen abgestimmt werden.

Weltkarte der Pollenmess-Stationen

Die erste interaktive Weltkarte der Pollenmess-Stationen wurde am Münchner Zentrum für Allergie und Umwelt (ZAUM) in Zusammenarbeit mit dem Helmholtz Zentrum und der Technischen Universität München entwickelt und ging im Sommer 2018 online. Dort sind mehr als 1.100 Messstationen auf allen fünf Kontinenten verzeichnet, mit Web-, Mail- und Telefonkontakten. Wer zum Beispiel weiß, dass er nach Südost-Asien fliegt, kann auf die passendste der 18 Stationen in der Region klicken. Genauere Informationen kann man dann bei den einzelnen Stationen per E-Mail erfragen.

Unterwegs

... mit dem Auto

  • Fenster und Türen möglichst geschlossen halten, um vor Pollenflug zu schützen
  • Einbau von Pollenfiltern in der Innenraum-Luftzufuhr möglich 
  • Achtung: Manche Antihistaminika beeinträchtigen die Fahrtauglichkeit.

... per Bahn

  • In Polstern von Bahn- oder Flugzeugsitzen sammeln sich oft Hausstaubmilben oder Tierhaare.
  • Evtl. antiallergische Bedarfsmedikamente vorher einnehmen

... mit dem Flugzeug

  • Die Allergiemedikamente gehören gut sichtbar in Klarsichtfolie ins Handgepäck. Manche Fluggesellschaften verlangen, die Originalverpackung und einen Arztbrief mitzuführen.

Am Urlaubsort:

  • Vorsicht bei Autofahrten unmittelbar nach der Ankunft: Einige Antihistaminika können in Kombination mit Jetlag, Müdigkeit und unbekannten Routen die Fahrtauglichkeit deutlich beeinträchtigen.
  • Möglichst nachts lüften, abends duschen und Haare waschen
  • Getragene Kleidung nichts mit ins Schlafzimmer nehmen
  • Eigene milben- und allergendichte Bezüge mitnehmen, falls das Hotel sie nicht stellt.
  • Regelmäßiges Lüften und eine geringe Raumtemperatur senken die Milbendichte. 
  • Zahlreiche Dienste im Internet bieten ganze Hotels oder spezielle Zimmer für Menschen mit Allergien an. Die Zimmer sollten mit Parkettböden ausgestattet sein, nur leichte Vorhänge, keine Strukturtapeten und keine offenen Regale haben. Zimmer und Bad sollten gut belüftbar sein (wichtig für Hausstaub- und Schimmelpilzallergiker) und eine Klimaanlage mit Pollenfilter haben (nach letztem Reinigungsdatum erkundigen).
  • Vorsicht bei Rosshaarmatratzen (Pferdeallergie).

Bei Neurodermitis

© Stephanie Kretz/ fotolia
Blick von einer Düne auf die Nordsee

Vor der Reise

  • Möglichst Ziele mit viel Wind und nicht zu hohen Temperaturen auswählen (z.B. Nordsee, Höhen über 1500 Meter)
  • Extreme Trockenheit ist ungünstig für die Haut, ebenso feucht-warmes Tropenklima
  • Ausreichende Salbenvorräte mitnehmen, damit man am Urlaubsort nicht auf andere Präparate umsteigen muss.

Am Urlaubsort

  • In feucht-warmem Tropenklima keine stark fettenden Salben auftragen
  • Bei sehr trockenem Klima oder nach einem langen Bad die Haut nachfetten
  • Auf einen gut wirksamen Sonnenschutz achten – vor allem, wenn Cortison-Creme oder Calcineurinhemmer angewendet werden. Die Cortison-Behandlung kann das Immunsystem schwächen und dazu führen, dass es schneller zu schweren Sonnenbränden kommt. Effektiver Sonnenschutz umfasst neben geeigneter Kleidung einschließlich Hut und Sonnenbrille die Anwendung von Sonnenschutzpräparaten mit hohem Lichtschutzfaktor (UV-A- und UV-B-Schutzfilter) auf unbedeckter Haut.

Bei Nahrungsmittelallergien

Restaurantkarte bei Lebensmittelallergie

Vor der Reise

  • Auf Angebote geeigneter Mahlzeiten bei der Fluglinie und im Hotel achten
  • In EU-Ländern gelten einheitliche Vorgaben für die Allergenkennzeichnung in Lebensmitteln. Bei Reisen in Länder außerhalb der EU ist es ratsam, sich (vorab) über Allergenkennzeichnung in fertigen wie auch in unverpackten Lebensmitteln zu informieren.
  • Allergiepass bzw. ärztl. Bescheinigung vorbereiten (z. B. bei Kindern mit Milchallergie)
  • Ggf. Paket mit haltbaren und verträglichen Nahrungsmitteln packen und vorab ans Hotel schicken
  • Auf eigene Kochmöglichkeiten achten (Hotels mit Kochecke, Apartments mit Küche) – ggf. eigene Küchenutensilien wie Töpfe und Kochlöffel mitbringen
  • Einkaufsmöglichkeiten und Restaurants vor Ort recherchieren
  • Restaurantkarten in der Landessprache für den Lokalbesuch vorbereiten
  • Es gibt Hotels und Hotelketten, die sich auf Menschen mit Lebensmittelallergien spezialisiert haben.

Unterwegs

...  mit dem Auto

  • Essensvorräte mitnehmen, die mindestens für den Anreisetag ausreichen

... per Bahn

  • Im Bordrestaurant Zutatenliste checken (liegt aus, gibt es aber auch online)

...  im Flugzeug

  • Bei starken Allergien auf Flugzeugmenüs verzichten
  • Viele Fluglinien empfehlen Nahrungsmittelallergikern generell, eigene Vorräte an Bord mitzunehmen. Das Erwärmen des Essens wird aber meist ausgeschlossen.
  • Proviant muss den Sicherheitsbestimmungen der Fluglinie und den Einreisebestimmungen des Ziellandes entsprechen
  • Wenn z. B. Milchprodukte nicht erlaubt sind, ärztliches Attest vorlegen, um eine Milch-Alternative mitnehmen zu können

Am Urlaubsort:

  • Möglichst auf gekochte und gegarte Nahrungsmittel beschränken. Sie lösen seltener Allergien aus als Obst oder andere rohe Speisen.
  • Vorsicht bei rohem Fisch oder Krustentieren
  • Zutaten sind oft nicht deklariert. Dies gilt vor allem in vielen Ländern außerhalb der EU.
  • Bei Beschwerden – auch Stunden nach der Mahlzeit – Bedarfsmedikamente einnehmen
  • Ein Allergiker-Wörterbuch nutzen
  • Ggf. Restaurantkarte ins Lokal mitnehmen. Der Allergieinformationsdienst hat für folgende Sprachen Restaurantkarten produziert, die Sie herunterladen, ausfüllen und ausgedruckt in mehreren Exemplaren mit ins Urlaubsland nehmen können: Bulgarisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Niederländisch, Portugiesisch, Schwedisch, Spanisch.

Wissenschaftliche Beratung

Prof. Dr. Karl-Christian Bergmann

Allergie-Centrum-Charité

Charité - Universitätsmedizin Berlin

E-Mail:
karlchristianbergmannnoSp@m@gmail.com

Weiterführende Informationen

Letzte Aktualisierung: 13.07.2019 / Quellen
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Die hier aufgeführten Leitlinien und Aufsätze richten sich, so nicht ausdrücklich anders vermerkt, an Fachkreise. Ein Teil der hier angegebenen Aufsätze ist in englischer Sprache verfasst.

Quellen:
Letzte Aktualisierung:
13.07.2019

Ergänzende Informationen

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