Allergene in der Kleidung

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Leben mit einer Allergie: Kleidung

Juckt oder scheuert ein Kleidungsstück, ist das meist auf einen mechanischen Effekt zurückzuführen. So haben der kratzende Wollpulli und die anschließend gerötete Haut mit einer Allergie nichts zu tun. Stoffe wie Baumwolle, Synthetik oder Leinen bestehen aus großen komplexen Teilen, die nicht in die Haut eindringen können.

Echte Allergien auf Textilien lassen sich nur bei etwa ein bis zwei Prozent der Menschen, die über Beschwerden nach dem Tragen bestimmter Kleidungsstücke berichten, nachweisen. Diese Allergien richten sich jedoch selten gegen den Kleidungsstoff selbst, sondern gegen Chemikalien oder Farben, die ihm beigemengt werden. Denn in einem Kleidungsstück steckt viel mehr als nur die Faser: Allein in Deutschland setzt die Textilindustrie pro Jahr rund 75.000 Tonnen chemische Hilfsmittel und 9.000 Tonnen Farbe ein, um unsere Anziehsachen schöner und funktioneller zu machen. Oft sind es so genannte "Vernetzer", die Kleidung "bügelleicht" oder "knitterarm" machen sollen.

Körperwärme und Schweiß können diese Zusätze und chemischen Hilfsmittel aus Kleidungstücken herauslösen und Unverträglichkeitsreaktionen beschleunigen. Aber auch Verschlüsse oder Knöpfe können Allergien hervorrufen, und nach wie vor ist Nickelsulfat einer der häufigsten Auslöser eines allergischen Kontaktekzems.

Farbstoffe als Allergene in Kleidung

Neben anderen möglichen gesundheitsschädlichen Effekten sind Farbstoffe die häufigsten Auslöser von textilbedingten Kontaktallergien des Spättyps, dem sogenannten Kontaktekzem. Ein Farbstoffindex der Textilindustrie listet etwa 4000 in der Textilindustrie gebräuchliche Farbstoffe auf.

Von den bekanntesten 800 Textilfarben sind 49 wurden bisher als mögliche Allergene identifiziert. Die meisten davon sind in sogenannten Dispersionsfarben enthalten, die neben dem Farbstoff aus Binde- und Lösemitteln bestehen. Bei manchen Kunstfasern, etwa Polyamid, werden diese Farben nur lose auf den Stoff aufgetragen und können sich daher leicht von der Kleidung lösen und über die Haut in den Körper gelangen.

Weitere allergene Stoffe in Kleidungsstücken

  • Formaldehyd: Formaldehyd wurde und wird in der Textilherstellung immer noch häufig eingesetzt, um das Knitterverhalten zu verbessern. Formaldehyd ist als Gefahrstoff mit krebserzeugenden Eigenschaften sowie als bedeutendes Kontaktallergen eingestuft und gehört zu den 20 häufigsten Kontaktallergenen. Eine Untersuchung des Informationsverbundes Dermatologischer Kliniken (IVDK) an über 120.000 Patienten hat gezeigt, dass die Sensibilisierungsrate für Formaldehyd bei 1,54 Prozent liegt. Aufgrund seiner krebserzeugenden und allergenen Eigenschaften müssen Textilien mit mehr als 0,15 Prozent ungebundenem Formaldehyd in Deutschland mit folgenden Worten gekennzeichnet sein:  „Enthält Formaldehyd. Es wird empfohlen, das Kleidungsstück zur besseren Hautverträglichkeit vor dem ersten Tragen zu waschen.“
  • Organozinn und Silberionen: Diese chemischen Verbindungen werden benötigt, wenn Kleidung „antimikrobiell“ sein soll.   
  • Chrom: Dieses Kontaktallergen findet sich häufig in Lederschuhen. Leder wird – vor allem im Ausland – noch häufig unter Einsatz von hohen Mengen an Chrom gegerbt, und Rückstände des Metalls im Leder lösen die Kontaktallergie aus. In der Europäischen Union ist das Allergen (genaue Bezeichnung: 6-wertiges Chrom oder Chrom VI) seit 2010 in Gegenständen verboten, die üblicherweise länger in Kontakt mit der Haut kommen. Lederwaren aus dem außereuropäischen Ausland können das Allergen aber nach wie vor enthalten. Ab September 2017 wird Chrom VI in der Europäischen Union auch für industrielle Anwendungen nur noch mit strengen Auflagen zugelassen sein.
  • Nickel: Nickel ist das bekannteste und nach wie vor häufigste Kontaktallergen. Modeschmuck, aber auch hochwertige Silber- und Goldlegierungen enthalten oft Nickel. Das Metall kommt darüber hinaus in Reißverschlüssen, Gürtelschnallen, Hosen- und Blusenknöpfen vor.
  • Waschmittel: Auch Waschmittelreste in der Kleidung können Allergien verursachen. Hier hilft es zunächst, weniger Waschmittel einzusetzen. Halten die Symptome an, können spezielle Waschmittel für Allergikerinnen und Allergiker Abhilfe bringen.

Wie kann man sich vor Allergenen in Kleidung schützen?

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Allergene in Kleidung: Farbstoffe

Im Gegensatz zu anderen Branchen wie der Lebensmittelindustrie gibt es für Farbstoffe in Textilien bisher keine Kennzeichnungspflicht.

Seit 2001 empfiehlt das heutige Bundesinstitut für Risikobewertung, acht Dispersionsfarbstoffe aufgrund ihrer allergenen Eigenschaften nicht mehr zu verwenden. Diese Empfehlung hat aber keinen rechtsverbindlichen Charakter.

In den Jahren 2012 und 2013 untersuchte das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Faschingskostüme, Badebekleidung und Strumpfwaren auf die Verwendung dieser Farbstoffe. Im Jahr 2012 wurden fast alle schwarz gefärbten Kleidungsstücke beanstandet, und bei den andersfarbigen Produkten waren 29 Prozent mit Dispersionsfarbstoffen behaftet. Ein Jahr später ließen sich die Stoffe in 42 Prozent aller schwarzen Kleidungsstücke nachweisen und bei den andersfarbigen Produkten in 0 Prozent. Dieses Beispiel zeigt, dass mit Kontrollen viel erreicht werden kann.

Verbraucherinnen und Verbraucher können sich somit beim Kauf eines Kleidungsstücks kaum oder gar nicht über den Gehalt an (allergenen) Farbstoffe informieren. Verbraucherinnen und Verbraucher können aber von der Auskunftspflicht der Hersteller Gebrauch machen, die seit 2007 mit der Einführung von REACH, einer EU-Verordnung zum Schutz vor den Gefahren von Chemikalien, in der Europäischen Union gilt - und zwar auch gegenüber Privatpersonen.

Sie müssen dafür nur die unter dem Strichcode auf dem Etikett aufgedruckte Artikelnummer in ein Formblatt eintragen. Der Artikel wird dann dem Hersteller zugeordnet, der Hersteller wird informiert und muss über den Gehalt aller in der REACH-Verordnung erfassten Chemikalien seines Produktes Auskunft geben – direkt per E-Mail an die Person, die die Auskunft angefordert hat.

Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von allgemeinen Regeln und Maßnahmen, mit deren Befolgung sich das Gefährdungspotential von Allergenen in Kleidung reduzieren lässt:

  • Hat man ein bestimmtes Kleidungsstück in Verdacht, für entsprechende Beschwerden verantwortlich zu sein, sollte man es nicht mehr anziehen.
  • Dunkle Kleidung (schwarze, blaue) enthält mehr Farbstoffe als helle Kleidung.
  • Kleidung, die als „knitterarm“, „pflegeleicht“ oder „bügelfrei“ beworben wird, kann  Formaldehydharze enthalten.
  • Die Anweisung „separat waschen“ auf dem Etikett weist auf einen hohen Farbstoffgehalt hin. Bei diesen Textilien können sich die Farbstoffe auch durch Reibung oder Schweiß schnell vom Stoff lösen und in die Haut eindringen.
  • Weit geschnittene Kleidung schützt aufgrund des geringeren Körperkontakts besser als eng anliegende Kleidung.
  • Das Tragen ungefärbter Kleidung ist die sicherste Maßnahme, sich vor Farbstoffen in Kleidung zu schützen.

In jedem Fall sollte man bei Verdacht auf eine Allergie gegen Kleidung ärztlichen Rat einholen. Allergietests (z.B. Haut-, aber auch Bluttests) können helfen, das auslösende Allergen zu erkennen. Ist das auslösende Allergen bekannt, lässt es sich möglicherweise gezielt vermeiden.

Keine Kennzeichnungspflicht, aber Label für Bekleidung?

In der Textilbranche gibt es mittlerweile etwa 100 Organisationen, die 120 verschiedene Label vergeben. Unmöglich für Verbraucherinnen und Verbraucher, da den Überblick zu behalten. So sind je nach Label unterschiedliche Bewertungskriterien für die Vergabe relevant (beispielsweise prüfen manche Label in erster Linie die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards bei der Produktherstellung, andere hingegen hauptsächlich oder ausschließlich den Gehalt an Schadstoffen im Endprodukt), und nicht immer sorgen unabhängige Prüfstellen für die Einhaltung der jeweiligen Kriterien.

Generell gilt, dass firmeneigene Siegel keineswegs automatisch von geringerer Qualität sein müssen als firmenunabhängige Siegel. Auf der anderen Seite können sich Firmen oder Branchenverbände leicht ein soziales oder ökologisches Deckmäntelchen umwerfen und unter dem unverfänglichen Namen eines Instituts ein Siegel mit schwachen Kriterien anbieten.

Aber Label können helfen, sich zu orientieren. Für Allergiker sind all jene Siegel relevant, die Aussagen über mögliche Rückstände im fertigen Kleidungsstück machen, oder die gewährleisten, dass potentielle Schadstoffe oder Hilfschemikalien im Herstellungsprozess weitgehend oder vollständig vermieden wurden.

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Letzte Aktualisierung: 10. März 2017 / Quellen
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Quellen:
  • Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (Hrsg.): Untersuchungsbericht Dispersionsfarbstoffe 2013
  • Bundesamt für Risikobewertung: Einführung in die Problematik der Bekleidungstextilien. – Aktualisierte Stellungnahme Nr. 041/2012 vom 6. Juli 2012 (Letzter Abruf: 26.02.2017)
  • Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): 12. Sitzung des Arbeitskreises „Gesundheitliche Bewertung von Textilhilfsmitteln und -farbmitteln“ der Arbeitsgruppe „Textilien“ des BfR. Aktualisierter Bericht zur Sitzung vom 08. März 2006, Fassung vom 07.11.2006
  • Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Verbraucherprodukte/Kosmetik
  • Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Aktionsplan Allergien - Allergieportal. (eingestellt am 31.12.2012)
  • EcoTopTen.de: Labelübersicht Bekleidung (Letzter Abruf 31.01.2017)
  • European Commission (Hrsg.): Integrated Pollution Prevention and Control (IPPC). Reference Document on Best Available Techniques for the Textiles Industry, July 2003
  • IFA – Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (Hrsg.): Liste der krebserzeugenden, keimzellmutagenen und reproduktionstoxischen Stoffe (KMR-Stoffe). Stand Juli 2016
  • Krätke, R.: Zieh Dich warm an - Kleidung und Textilien. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), 7. BfR Forum Verbraucherschutz – Das Kind als Verbraucher. 2009
  • Malinauskiene, L. et al.: Are allergenic disperse dyes used for dyeing textiles? In: Contact Dermatitis 2012 67(3): 141-148
  • Malinauskiene, L. et al.: Contact allergy from disperse dyes in textiles–a review. In: Contact Dermatitis 2012, 68: 65–75
  • Schnuch, A. et al.: Contact allergy to preservatives. Analysis of IVDK data 1996–2009. In: British Journal of Dermatology, 2011, 164,6: 1316–1325
  • Schulte, A. et al. (Bundesinstitut für Risikobewertung, Hrsg., 2006): Assessment of the Carcinogenicity of Formaldehyde [CAS No. 50-00-0] : Bericht zur Bewertung der Karzinogenität von Formaldehyd. Berlin 2012
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