Gewitterasthma

Landläufig bekannt ist, dass Regen die Luft von Pollen reinigt und für Pollenallergiker Erleichterung bringt. Weniger bekannt ist dagegen, dass bei Gewitter die allergischen Symptome in den ersten 20-30 Minuten stark ansteigen können. Man nimmt an, dass in dieser Phase eine erhöhte Konzentration von Allergenen in der Atemluft vorliegt und Patienten entsprechend mehr Allergene einatmen.

Tatsächlich beobachten Allergologen und Pneumologen seit über drei Jahrzehnten in verschiedenen Regionen der Erde ein seltenes Phänomen: Bei manchen starken Gewitterereignissen steigt die Zahl der Patienten mit Asthmaanfällen und anderen allergischen Reaktionen sichtbar an. Ob es einen direkten Zusammenhang zwischen Gewitter und Asthma gibt und wenn ja, was sich dahinter verbirgt, fasst der neue Monatsschwerpunkt „Gewitterasthma“ zusammen.

Einführung

Gewitterhimmel - ©trendobjects-stock.adobe/fotolia
Gewitterasthma - eine seltene Form von allergischem Asthma

Es gibt weltweit eine Reihe von Beobachtungsstudien, welche das Phänomen Gewitterasthma oder Thunderstorm Asthma, wie es im englischsprachigen Raum genannt wird, genauer unter die Lupe genommen haben. Das bekannteste Ereignis dazu fand im Spätherbst 2016 im australischen Melbourne statt und wurde seither intensiv untersucht: Nach einem schweren Gewittersturm mussten im australischen Melbourne mehrere Tausend  Personen wegen asthmatischer und allergischer Beschwerden in Krankenhäusern behandelt werden, acht Menschen starben in der Folge.

Klimaforscher sagen voraus, dass sich im Zuge des Klimawandels unter anderem die Zahl der extremen Wetterereignisse, darunter Gewitter und Starkregen, erhöhen wird. Demnach könnte das Gewitterasthma in Zukunft auch in unseren Breiten an Bedeutung gewinnen.

Weitere mögliche Risikofaktoren für Asthma

Grundlagen

© Zentrum Allergie und Umwelt, München
Bei Gewittern können Pollen aufplatzen und erhöhte Mengen an Allergenen freisetzen

Wissenschaftler der Universität  Georgia (USA) gingen dem Ereignis von Melbourne nach. Sie fanden heraus, dass im Vorfeld eines Gewitters Starkwinde drastisch erhöhte Mengen an Gräserpollen sowie anderen Allergenen aus oberen Luftschichten zusammentragen können. Durch starke Fallwinde gelangen die Luftmassen mit den erhöhten Allergengehalten schnell in Bodennähe und erreichen schließlich die Atemluft der Bevölkerung. Man nimmt an, dass beim anschließenden Gewitterregen die Pollen vom Regen stark zerkleinert und zerstört werden, sodass diese verstärkt Allergene freisetzen können.

Kleinere Allergen-Partikel können in besonders tiefe Bereiche der Bronchien vordringen und bei Pollenallergikern heftige Asthmasymptome verstärken oder auch erstmalig auslösen.

Diese kleinen Partikel werden im Übrigen nicht nur bei Gewitter sondern grundsätzlich bei höherer Luftfeuchte gefunden. Bei Gewitter kommen nur zusätzlich viele andere Reizfaktoren in der Luft hinzu, wie zum Beispiel Feinstaub aus Erdmaterial, Bakterien oder Schimmelsporen. Gewitter wirkt wie ein Staubsauger, der viele Partikel inklusive Pollen aufsaugt und konzentriert wieder nach unten bläst. Man nimmt an, dass es dieses Gemisch ist, welches die Symptome auslöst, wobei immer ein Allergen dabei sein muss.

Verbreitung

©trendobjects-stock.adobe/fotolia
Ein großes Ereignis mit vielen Fällen von Gewitterasthma wurde 2016 in Melbourne beobachtet.

Nicht jeder Gewittersturm ist so beschaffen, dass er so drastische Folgen für Allergiker mitbringt wie der von Melbourne. Auch gibt es bislang keine aussagekräftigen Daten  für Deutschland, sodass man nicht mit Sicherheit sagen kann, ob das Ausmaß des australischen Ereignisses auch in Deutschland auftreten könnte. In München wurden zwar bereits nach einem Gewitter geplatzte Pollen nachgewiesen. Ob und wie Allergie-Patienten betroffen waren, wurde aber nicht untersucht.

Welche Gewitterereignisse tatsächlich erhöhte Beschwerden mit sich bringen, lässt sich bis dato leider nicht hervorsagen.

Generell wird davon ausgegangen, dass Gewitterasthma lediglich einen kleinen Anteil an der gesamten Krankheitslast für Asthma hat. Wissenschaftler schätzen, dass an einem Ort im Schnitt etwa zwei Ereignisse in drei Jahren auftreten, und ein so außergewöhnliches Ereignis wie das von Melbourne im Jahr 2016 an einem Ort im Durchschnitt höchstens etwa alle fünf Jahre zu erwarten ist.

Das australische Wissenschaftlerteam hat auch für einen Zeitraum von 15 Jahren berechnet, dass es bestimmte Monate im Jahr  gibt, in denen gehäuft Krankenhauseinweisungen wegen Asthmaanfällen auftreten. In Melbourne waren dies Februar, Juni, August und November. Gewitter haben auf diese saisonale Verteilung wohl nur einen kleinen Einfluss.

Risikofaktoren

Nur 40 Prozent der im Krankenhaus von Melbourne behandelten Patienten hatten zuvor bereits einmal Asthmaanfälle gehabt, der Rest hatte eigenen Angaben zufolge bis dato noch nie unter asthmatischen Beschwerden gelitten. Demnach sind auch Nicht-Asthmatiker vor einem erstmaligen Asthmaanfall bei Gewitter nicht grundsätzlich gefeit.

Untersuchungen australischer Wissenschaftler zufolge lässt sich bei Heuschnupfenpatienten ohne bisherige Asthmasymptome über die Bestimmung des spezifischen IgE im Serum abschätzen, ob sie ein erhöhtes Risiko für Gewitterasthma haben. Damit wird der Grad der Sensibilisierung gegenüber den relevanten Pollen gemessen.

Behandlung

© R.Kneschke/fotolia
Mann inhaliert Kortisonspray über einen Inhaler

Als Mittel der Wahl bei einem akuten Asthmaanfall empfiehlt die medizinische Leitlinie bronchienerweiternde Medikamente, sogenannte Bronchodilatoren. Sie befreien kurzfristig von Asthma-Symptomen und dienen als Bedarfsmedikamente bei akuten Beschwerden.

Mehr zur akuten und langfristigen Behandlung von Asthma  

Vorbeugung

Gewitterasthma ist ein vergleichsweise seltenes Phänomen. Verlässliche Vorhersagen, wann ein asthmarelevantes Gewitterereignis auftritt, sind bislang schwierig.

Für betroffene Pollenallergiker, die in ein Gewitter geraten, gibt es jedoch eine Reihe vorbeugender Maßnahmen: Wetterdienste und Mediziner können gleichermaßen Pollenallergiker über das Risiko von Asthmaanfällen im Vorfeld von Gewittern informieren.

Schwere Allergiker könnten dann frühzeitig dafür Sorge tragen, dass sie sich zu Beginn eines Gewitters in geschlossenen Räumen aufhalten. Wenn sich ein Aufenthalt im Freien nicht vermeiden lässt, sollten Betroffene über ein Tuch durch die Nase einatmen sowie über den Mund ohne Tuch ausatmen, um die Atemwege zu schützen, empfiehlt der Bundesverband der Pneumologen.

Besonders gefährdeten Asthma-Patienten wird empfohlen, entsprechend der medizinischen Leitlinienempfehlungen vorbeugend inhalative Kortikosteroide (Kortisonspray) einzunehmen.

Letzte Aktualisierung: 19.06.2018 / Quellen
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19.06.2018
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