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ASS-Intoleranz-Syndrom (Salicylat-Intoleranz, Schmerzmittel-Unverträglichkeit)

Wissenschaftliche Beratung: 

Prof. Dr. Ludger Klimek, Ärzteverband Deutscher Allergologen, Deutsche AllergieLiga e.V., Zentrum für Rhinologie und Allergologie, Wiesbaden

E-Mail: Ludger.Klimek@allergiezentrum.org

Wissenschaftliche Beratung: 

Prof. Dr. Ludger Klimek, Ärzteverband Deutscher Allergologen, Deutsche AllergieLiga e.V., Zentrum für Rhinologie und Allergologie, Wiesbaden

E-Mail: Ludger.Klimek@allergiezentrum.org

 

Bei dem ASS-Intoleranz-Syndrom (Salicylat-Intoleranz) handelt es sich um eine Form der Schmerzmittel-Unverträglichkeit. Es beruht auf einer nicht durch Immunglobulin E (IgE) vermittelten Überempfindlichkeitsreaktion auf Arzneimittel wie Acetylsalicylsäure (ASS) beziehungsweise COX-1-Hemmer. Sie tritt häufig gemeinsam mit Allergien auf, wird jedoch nicht durch diese verursacht.

Grundlagen

Was sind Salicylate und ASS?

Die Acetylsalicylsäure (ASS) gehört zu den sogenannten Salicylaten (Salicylsäuren) und wird seit Ende des 19. Jahrhunderts als Arzneimittel gegen Schmerzen und Entzündung eingesetzt. In geringerer Dosierung und bei regelmäßiger Einnahme dient sie auch zur Reduktion des Thromboserisikos in der Vorbeugung oder Behandlung von Patienten mit erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse (Herzinfarkt, Schlaganfall). Salicylate sind jedoch auch natürlicherweise in Nahrungsmitteln enthalten.

ASS wird der Wirkstoffgruppe der nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR, engl. NSAID für non-steroidal antiinflammatory drugs) zugerechnet. Hierbei handelt es sich um eine Gruppe von Arzneimitteln, die eine entzündungshemmende (anti-inflammatorische), fiebersenkende (anti-pyretische) und schmerzhemmende (analgetische) Wirkung haben. Diese Wirkung entfalten sie durch Hemmung bestimmter Enzyme, der Cyclooxygenasen (COX)-1 und -2. Deshalb werden sie auch als COX-Hemmer bezeichnet. Der Zusatz „nicht-steroidal“ bedeutet, dass diese Medikamente keine Glukokortikoide (Cortison) enthalten. Neben ASS zählt dazu eine ganze Reihe verschiedener Wirkstoffe, wie beispielsweise Diclofenac oder Ibuprofen.

Krankheitsbild mit vielen Namen

Bei den am häufigsten auftretenden Asthma-Symptomen spricht man auch von

  • Analgetika-Asthma-Syndrom
  • Samter-Syndrom oder Samter-Trias

Ein älterer Name ist Morbus Widal.

Neuere Bezeichnungen aus dem angloamerikanischen Sprachraum lauten

  • NSAR-exacerbated respiratory disease, abgekürzt NERD (= durch NSAR verschlimmerte Atemwegserkrankung) oder auch
  • aspirin exacerbated respiratory disease (AERD, durch ASS verschlimmerte Atemwegserkrankung).

Ursachen und Entstehung

Obwohl in den letzten Jahren viele neue Erkenntnisse dazu gewonnen wurden, sind dem ASS-Intoleranz-Syndrom zugrunde liegende Ursachen und Entstehungsmechanismen bislang nicht vollständig geklärt. Das Syndrom gilt als Stoffwechselstörung, die mit chronisch-entzündlichen Schleimhautveränderungen einhergeht. Die Störung betrifft den Stoffwechsel der sogenannten Arachidonsäure, an dem auch die Enzyme Cyclooxygenase (COX)-1 und -2 maßgeblich beteiligt sind. Die Arachidonsäure ist eine Fettsäure, deren Abkömmlinge bei Entzündungsreaktionen eine wichtige Rolle spielen.

Erbliche Faktoren scheinen bei der Entstehung eine Rolle zu spielen.

Krankheitsbilder und Symptome des ASS-Intoleranz-Syndroms

Das Krankheitsbild kann sowohl hinsichtlich der betroffenen Organe als auch der Symptomausprägung sehr vielfältig sein. Man unterscheidet fünf verschiedene Ausprägungsformen (Phänotypen):

  • Analgetika-Asthma-Syndrom: Dieses ist im Wesentlichen gekennzeichnet durch drei Hauptsymptome, deshalb auch die Bezeichnung Samter-Trias (= „Dreiheit“, von altgriechisch „trias“ für die Zahl 3): Asthma bronchiale, Polypen der Nase (Polyposis nasi) und/oder Nasennebenhöhlen sowie ASS-Unverträglichkeit. Hierbei handelt es sich mit Abstand um die häufigste Form der Schmerzmittel-Intoleranz: Sie tritt bei etwa jedem zehnten Asthma-Patienten und bei 10 bis 15 Prozent der Patienten mit wiederkehrenden (rezidivierenden) Nasenpolypen auf.
  • Wiederkehrende Nesselsucht (Urtikaria), auch bezeichnet als Analgetika-induzierte Urtikaria (AIU)
  • Schleimhautschwellungen (Angioödeme)
  • Magen-Darm-Symptome
  • Sonstige Formen

Die vier zuletzt genannten Erscheinungsformen sind deutlich seltener als die Samter-Trias. Alle Typen können auch kombiniert in Mischformen auftreten.

Bei akuten Intoleranzreaktionen treten die Symptome zumeist innerhalb von 30 bis 45 Minuten nach Einnahme des Schmerzmittels auf und können über viele Stunden anhalten.

Anfänglich bestehen oft unspezifische Beschwerden im Bereich der Nase, Nasennebenhöhlen und/oder Bronchien, die den charakteristischen Symptomen einer Schmerzmittel-Intoleranz vorausgehen. Dazu zählen verstopfte oder „laufende“ Nase, Störungen des Geruchssinnes oder Kopfschmerzen. Auch Symptome einer Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis) oder Nasenpolypen können sich bereits Jahre im Voraus bemerkbar machen.

Im weiteren Verlauf kommt es dann zu typischen Symptomen in Zusammenhang mit der Einnahme von Schmerzmitteln. Diese umfassen Naselaufen (Rhinorrhö), verstopfte Nase, Niesreiz, Bronchialkrämpfe, Schwellungen um die Augen oder im Bereich des Kehlkopfes bis hin zu schweren Asthma-Anfällen oder anaphylaktischen Reaktionen. Zusätzlich können Reaktionen im Magen-Darm-Trakt, Schleimhautschwellungen (Angioödem) und Nesselbildung (Urtikaria) auftreten.

Die Symptome können für die Betroffenen sehr belastend sein. Bei ausgeprägten Erscheinungsformen ist die Lebensqualität oft stark beeinträchtigt.

Verbreitung

Schätzungen aus den USA zufolge erkranken etwa 0,3 bis 0,9 Prozent der Allgemeinbevölkerung an einer durch ASS verschlimmerte Atemwegserkrankungn (AERD). Experten gehen allerdings von einer hohen Dunkelziffer aus.

Unter Patientinnen und Patienten mit Asthma oder Nasenpolypen wird das Analgetika-Asthma-Syndrom relativ häufig beobachtet: Etwa sieben Prozent aller erwachsenen Asthma-Patienten sind davon betroffen, bei schwerem Asthma sind es etwa doppelt so viele.

Bei Menschen mit Nasenpolypen und/oder chronischer Nasennebenhöhlenentzündung (Rhinosinusitis) findet man das Syndrom mit einer Häufigkeit von etwa zehn Prozent. Umgekehrt leiden mehr als die Hälfte der Betroffenen mit Analgetika-Intoleranz-Syndrom gleichzeitig auch an einer chronischen Rhinosinusitis mit Nasenpolypen. Besonders häufig trifft es Personen mit einer allergischen Nasen(-nebenhöhlen-)entzündung aufgrund einer Allergie gegen Schimmelpilze: Hier ist das Risiko, gleichzeitig an einer Analgetika-Intoleranz zu erkranken, um ein Vielfaches erhöht.

Mit einem Anteil von 60 bis 70 Prozent erkranken Frauen etwas häufiger als Männer an einer Analgetika-Intoleranz. Bei Frauen tritt die Erkrankung zumeist früher auf und die Symptome sind oft schwerer als bei Männern.

Das Analgetika-Asthma-Syndrom kommt überwiegend bei Erwachsenen und nur selten bei Kindern vor. Am häufigsten tritt es im dritten und vierten Lebensjahrzehnt erstmals auf. 

Diagnose

Es gibt bisher keinen zuverlässigen Einzeltest zur Diagnose eines ASS-Intoleranz-Syndroms. Wichtige Bestandteile der Diagnostik sind die Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese), Laboranalysen und Provokationstests.

Letztere werden je nach hauptsächlich betroffenem Organ entweder nasal, bronchial oder oral durchgeführt und sollten nur in einem spezialisierten Zentrum und unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Provokationstests können auch dazu beitragen, alternative Schmerzmittel zu finden, die von den Betroffenen vertragen werden. 

Ergänzend können spezielle Labortests hilfreich sein. 

Wichtig ist eine Abgrenzung gegenüber allergischen Erkrankungen: Das ASS-Intoleranz-Syndrom gilt als wichtige sogenannte Differenzialdiagnose, die bei der Abklärung entsprechender Beschwerden in Betracht gezogen werden muss.

Behandlung

Die Behandlung einer durch ASS verschlimmerten Atemwegserkrankung umfasst verschiedene medikamentöse und gegebenenfalls chirurgische Maßnahmen.

Die medikamentöse Therapie zielt auf die Linderung der Symptome ab und richtet sich deshalb nach den hauptsächlich betroffenen Organen beziehungsweise der Grundkrankheit. Sie umfasst in erster Linie die Anwendung von Glukokortikoiden (Cortison), zumeist örtlich in der Nase. Bei Asthma-Symptomen wird manchmal auch der Leukotrien-Rezeptor-Antagonist (Montelukast) eingesetzt.

Betroffene sollten Schmerzmittel vom NSAR-Typ möglichst meiden. Ist die Anwendung eines Schmerzmittels notwendig, sollten sie sich vorher von der/dem behandelnden Ärztin/Arzt beraten lassen, welches Präparat unbedenklich ist. Insbesondere bei Kombinationspräparaten ist es wichtig, auf die einzelnen Wirkstoffe zu achten, die darin enthalten sind.

Grundsätzlich gibt es keine Schmerzmittel, die alle Menschen mit einer Salicylat-Intoleranz vertragen. Das Zentrum für Rhinologie und Alleroglogie listet folgende Analgetika auf, die nur sehr selten Unverträglichkeitsreaktionen hervorrufen:

  • Paracetamol
  • Zentral wirksame Analgetika (Opioide)
  • Wirkstoffe aus der Gruppe der selektiven COX-2-Hemmer (Coxibe): Celecoxib, Etoricoxib, Parecoxib

Der Wirkstoffname findet sich auf der Arzneimittelverpackung meist hinter dem Handelsnamen sowie in der Gebrauchsinformation.

Adaptive Desaktivierung

Die bisher einzige ursächliche Behandlungsmöglichkeit besteht in der sogenannten adaptiven Desaktivierung. Sie hat zum Ziel, durch wiederholte Anwendung von ASS in ansteigenden Dosen eine Toleranz gegenüber den entsprechenden Schmerzmitteln zu erzeugen. Anschließend, das heißt nach Erreichen einer individuellen Schwellendosis, müssen die Betroffenen langfristig regelmäßig eine ASS-Erhaltungsdosis einnehmen. In vielen Fällen kann man damit erreichen, dass sie Schmerzmittel besser vertragen. Für die adaptive Desaktivierung gibt es bislang kein standardisiertes Vorgehen. In jedem Fall sollte die Therapie in einem spezialisierten Zentrum in Verbindung mit einem stationären Klinikaufenthalt eingeleitet werden, damit schwerere Reaktionen im Notfall sofort behandelt werden können.

Ernährung bei Schmerzmittelunverträglichkeit

Es ist nicht eindeutig geklärt, ob Betroffene allgemein davon profitieren, wenn sie auf Lebensmittel mit hohem Salicylat-Gehalt verzichten. Dazu zählen beispielsweise Gewürze wie Curry oder Paprika. Auch industriell hergestellte Produkte enthalten oft größere Mengen an Salicylat. Im Vergleich zu therapeutischen Dosen von ASS in Arzneimitteln wird Salicylsäure über die Nahrung allerdings nur in deutlich geringeren Mengen aufgenommen. Deshalb kann eine Salicylat-arme Ernährung nicht allgemein empfohlen werden.

Experten empfehlen vielmehr eine ausgewogene Ernährung, die Entzündungen entgegenwirkt: Dazu gehören reichlich Obst und Gemüse sowie Antioxidantien, Spurenelemente, Mineralstoffe und so genannte sekundäre Pflanzenstoffe. Auch eine optimale Flüssigkeitszufuhr ist wichtig. Zudem weisen neuere Daten darauf hin, dass eine an Omega-3-Fettsäuren reiche und an Omega-6-Fettsäuren arme Diät Entzündungsreaktionen vermindern und die Symptome von Patienten mit ASS-Intoleranz-Syndrom bessern kann.

Manche Patienten reagieren nach dem Genuss von Alkohol mit verstärkten Symptomen. Dann ist es ratsam, auf alkoholische Getränke zu verzichten. In jedem Fall kann es für Betroffene hilfreich sein, sich von einer qualifizierten Ernährungsfachkraft beraten zu lassen.

Bei Schleimhautpolypen kann eine operative Behandlung der Nasennebenhöhlen sinnvoll sein, um die Nasenatmung und Schleimhautfunktion zu verbessern. Allerdings muss man danach mit Rückfällen rechnen. In der Regel erfolgt der Eingriff mit Hilfe eines Endoskops, also eines röhrenförmigen optischen Instruments, das den Zugang für die Untersuchung und Behandlung in Körperhöhlen ermöglicht.

Forschungsansätze

Seit einiger Zeit werden verschiedene Biologika in klinischen Phase-III-Studien auch bei Patientinnen und Patienten mit schwerer chronischer Nasennebenhöhlenentzündung (Rhinosinusitis) und/oder wiederkehrenden Nasenpolypen untersucht. Dazu zählen etwa Omalizumab, Dupilumab, Mepolizumab oder Reslizumab. Erste Ergebnisse sind vielversprechend und lassen darauf hoffen, dass sich chirurgische Eingriffe zumindest bei einem Teil der Patientinnen und Patienten durch eine Biologika-Therapie künftig vermeiden lassen.

Weiterführende Informationen und Links

Quellen

Die hier aufgeführten Leitlinien und Aufsätze richten sich, so nicht ausdrücklich anders vermerkt, an Fachkreise. Ein Teil der hier angegebenen Aufsätze ist in englischer Sprache verfasst.

  • Biedermann, T. et al. (Hrsg., 2016): Allergologie. Springer, Berlin/Heidelberg, 2. Aufl., ISBN 9783642372025
  • Darsow, U., Raap, U. (Hrsg.): Allergologie kompakt. Dustri-Verlag, München-Deisenhofen, 2016
  • Klimek, L.: ASS-Intoleranz-Syndrom (M. Samter, M. Widal). In: Allergologie 2014; 37 (1): 2–3
  • Klimek, L.: ASS-Intoleranz-Syndrom: Aktuelle Optionen der Therapie. In: Dtsch Ärztebl 2017; 114(50): [28]; DOI: 10.3238/PersPneumo.2017.12.15.08
  • Kirsche, H., Klimek, L.: ASS-Intoleranz-Syndrom und persistierende Rhinosinusitis. Differentialdiagnostik und Therapie. In: HNO 2015; 63: 357-363
  • Laidlaw, T.M.: Clinical updates in aspirin-exacerbated respiratory disease. In: Allergy Asthma Proc 2019; 40: 4 –6
  • Li KL et al.: Aspirin exacerbated respiratory disease: epidemiology, pathophysiology, and management. Med Sci 2019; 7: 45
  • Philpott, C.M. et al.: Prevalence of asthma, aspirin sensitivity and allergy in chronic rhinosinusitis: data from the UK National Chronic Rhinosinusitis Epidemiology Study. Respiratory Research 2018; 19: 129
  • Plank-Habibi, S., et al.: Diätetische Implikationen: Salicylsäure und ASS-Unverträglichkeit. In: Allergologie 6/2018: 261-272
  • Rajan, J.P. et al.: Prevalence of aspirin-exacerbated respiratory disease among asthmatic patients: A meta-analysis of the literature. In: J Allergy Clin Immunol 2015; 135 (3): 676-681.e1  
  • Trautmann A, Kleine-Tebbe J.: Allergologie in Klinik und Praxis. Thieme Verlag Stuttgart, 3. Aufl. 2018. ISBN9873131421838
  • Wöhrl, S.: NSAID hypersensitivity – recommendations for diagnostic work up and patient management. In: Allergo J Int 2018; 27: 114–121

Letzte Aktualisierung: 14. Oktober 2019