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Klimawandel und Allergie
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Klimawandel und Allergie

Der Klimawandel begünstigt mildere Temperaturen in Winter und Spätherbst sowie Hitze im Sommer. Als Folge können sich Allergien länger im Jahr bemerkbar machen und auch bei Personen neu auftreten, die bisher keine Allergien hatten. Auch können die Symptome einer Allergie oder einer allergischen Erkrankung stärker ausgeprägt sein. Vor allem Menschen mit HeuschnupfenNeurodermitis und allergischem Asthma spüren die Folgen von Klimaveränderungen wie längere Hitzeperioden und Trockenheit am deutlichsten.

Wissenschaftliche Beratung:

Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann, Helmholtz Munich, Institut für Umweltmedizin Universitätsklinikum Augsburg, UNIKA-T

E-Mail: traidl-hoffmann@helmholtz-muenchen.de

Der Klimawandel begünstigt mildere Temperaturen in Winter und Spätherbst sowie Hitze im Sommer. Als Folge können sich Allergien länger im Jahr bemerkbar machen und auch bei Personen neu auftreten, die bisher keine Allergien hatten. Auch können die Symptome einer Allergie oder einer allergischen Erkrankung stärker ausgeprägt sein. Vor allem Menschen mit HeuschnupfenNeurodermitis und allergischem Asthma spüren die Folgen von Klimaveränderungen wie längere Hitzeperioden und Trockenheit am deutlichsten.

Wissenschaftliche Beratung:

Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann, Helmholtz Munich, Institut für Umweltmedizin Universitätsklinikum Augsburg, UNIKA-T

E-Mail: traidl-hoffmann@helmholtz-muenchen.de

Allergien nehmen zu

Studien weisen darauf hin, dass der Klimawandel eine mögliche Ursache für den Anstieg von Allergien sein kann. Am deutlichsten zeigen sich die Auswirkungen auf die allergische Erkrankung Heuschnupfen: Mildere Temperaturen im Winter und Spätherbst führen dazu, dass die Pollensaison früher startet und länger anhält. Menschen mit Pollenallergie sind nun teilweise das ganze Jahr über betroffen. Eingewanderte Pflanzen, so genannte Neophyten, mit einer längeren Blühdauer tragen ebenfalls zu einer stärkeren Pollenbelastung über mehrere Monate bei. Ein bekanntes Beispiel ist Ambrosia artemisiifolia, auch bekannt unter der deutschen Bezeichnung Beifußblättriges Traubenkraut. Weil die Pollen von Ambrosia besonders allergen sind – also besonders stark auf das Immunsystem einwirken – führen sie häufiger als anderer Blütenstaub zur Sensibilisierung und als Folge auch dazu, dass mehr Menschen erstmalig eine Pollenallergie entwickeln. Rund 14 Prozent der Menschen in Deutschland reagieren allergisch auf den Neophyten Ambrosia.

Stärkerer Pollenflug kann gesunde Menschen anfälliger für Allergien machen

Dass mehr Pollen in der Luft sind, betrifft nicht nur Menschen, die bereits jetzt Heuschnupfen haben, sondern kann sich auf alle Menschen auswirken: Je mehr und je länger sich Pollen in der Luft befinden, desto größer ist das Risiko, dass auch bislang nicht Erkrankte eine Allergie entwickeln. Menschen mit Allergie-Neigung sind jedoch besonders anfällig.

Ambrosia triggert Heuschnupfen

Die aus Nordamerika stammende Ambrosia artemisiifolia, zu deutsch das Beifußblättrige Traubenkraut, produziert pro Pflanze rund eine Milliarde Pollen (bereits sechs Pollen reichen, um eine allergische Reaktion auszulösen) und wächst gerne auf sonnigen Brachflächen. Sie blüht im Spätsommer und verlängert daher die Pollensaison. Aktionen, die Ausbreitung der Pflanze zu verhindern, waren bislang wenig erfolgreich, denn die Ambrosia-Samen können jahrzehntelang überleben. 

Pollen werden aggressiver

Hitze, Luftverschmutzung und Trockenheit stressen Pflanzen und verändern zusätzlich die Beschaffenheit der Pollen: Sie machen deren Eiweiße teilweise allergener – sie lösen also schneller und stärker allergische Reaktionen im Immunsystem aus beziehungsweise aktivieren die Vorstufe einer Allergie, die Sensibilisierung. 

Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das allergieauslösende Potenzial der Pollen steigt, wenn die CO2-Konzentration in der Atmosphäre zunimmt, sich mehr Schadstoffe in der Luft befinden und wenn klimawandelbedingte Brände die Luftverschmutzung verstärken.

Neben Heuschnupfen nimmt dadurch auch die Häufigkeit und Stärke von allergischen Asthmaanfällen zu.

In Deutschland sinkt laut Umweltbundesamt seit Beginn der 1990er Jahre die Schadstoffbelastung der Luft. Allerdings werden immer noch Grenzwerte überschritten. Das gilt vor allem für Großstädte und Orte mit viel Verkehr. 

Das Zentrum für Allergie und Umwelt (ZAUM) von Helmholtz Munich erforscht mit Pollenmessstationen und interaktiven Plattformen den Pollenflug. Die Plattform PollenScience.eu gibt tagesaktuelle Informationen zum Pollenflug, einen Monatsüberblick und ermöglicht Rückblicke in die vergangenen Jahre. Mit der interaktiven Karte KlimaPollen.de erhält man Informationen und Zukunftsprognosen für die Pollenbelastung in Bayern für den Zeitraum von 1989 bis 2085 für die Pollenkonzentration von Birke und Gräsern. Veränderungen infolge des Klimawandels wie Temperatur und Niederschlag fließen in die Vorhersage ein.

Daraus ergibt sich folgende Einschätzung für die Zukunft: In Deutschland steigt die mittlere Jahrestemperatur. Dies hat zur Folge, dass etwa die Menge an Birkenpollen zunächst zunimmt. Ab einer bestimmten Temperatur sind jedoch die Lebensbedingungen für die Birke nicht mehr geeignet. Expert:innen sagen daher voraus, dass Birken bei weiter steigenden Temperaturen nur noch in höheren, kühleren Regionen wachsen werden. Die Folge: Die Pollenbelastung wird 2050 in den ursprünglichen Verbreitungszonen geringer als heute sein, im Gebirge höher. Gleichzeitig breiten sich mit der Erwärmung in ganz Deutschland vermehrt Gräser aus, die bis 2085 das Allergierisiko für Menschen mit Heuschnupfen auf Gräserpollen stark ansteigen lassen.

Wollen Sie mehr über Pollenmonitoring, den Einfluss des Klimawandels auf den Pollenflug und die Auswirkung für Menschen mit Heuschnupfen erfahren? Dann hören Sie unseren Podcast mit dem Pollen-Experten Prof. Jeroen Buters von Helmholtz Munich.

Klimawandel und Umweltbelastung erhöhen Allergierisiko

Umweltschadstoffe wie Ozon und Feinstaub verstärken allergische Erkrankungen. Beide entstehen unter anderem durch den Autoverkehr. Kinder mit Asthma leiden bei einem vorübergehenden Ozon-Anstieg häufiger unter Symptomen und müssen häufiger Notfallsprays einsetzen als in Zeiten mit geringerer Ozon-Belastung. 

Luftschadstoffe, darunter auch Dieselabgase, Stickstoffdioxid und Schwefeldioxid, haften sich an die Oberfläche von Pollen und verstärken so das allergieauslösende Potenzial der Pollen. Auch eine starke Ozonbelastung in der Luft erhöht die Wirkung von Birkenpollen auf das Immunsystem.

Gleichzeitig können die Luftschadstoffe die Schleimhautbarrieren angreifen und erleichtern dadurch den Pollen den Eintritt in die Atemwege und von hier ins Blut. Trockenstress und Versiegelung der Bäume führt ebenfalls zu einer erhöhten Allergenität der Pflanzen. Zudem können Schadstoffe wie zum Beispiel Stickoxide zu „neuen“ Allergien führen. Das zeigen Experimente in den Klimakammern von Helmholtz Munich.

CO2 treibt Pflanzenwachstum an

CO2 ist das bedeutendste Treibhausgas. Es entsteht bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Öl und Kohle. Steigt sein Anteil in der Atmosphäre, verändert sich das Pflanzenwachstum. Pflanzen wachsen schneller, werden größer, blühen länger und intensiver. Das bedeutet auch, dass die Pflanze mehr Pollen produziert und deren Allergie-auslösendes Potenzial erhöht.

Neurodermitis flammt auf

Hitze – auch als Folge  des Klimawandels – kann zudem bewirken, dass Menschen mit Neurodermitis stärkere Symptome wie Juckreiz haben und sich das atopische Ekzem großflächiger auf der Haut ausbreitet. Die atopische Erkrankung Neurodermitis gilt bei Säuglingen und Kleinkindern als Einfallstor für viele weitere Allergien: Ist die Schutzbarriere der Haut gestört – dies ist bei Neurodermitis der Fall – können Allergene leichter in den Körper eindringen, das Immunsystem sensibilisieren und so auch den Startschuss für weitere Allergien geben. 

Mehr zum Thema hier im Video "Was hilft bei Neurodermitis".

Gewitterasthma

Ein zwar seltenes, aber vielleicht durch den Klimawandel in Zukunft häufiger vorkommendes Phänomen ist das Gewitterasthma (Thunderstorm Asthma). Gewitterasthma kann auftreten, wenn ein starkes Gewitter zu einem Zeitpunkt stattfindet, an dem viele Allergene – beispielsweise aus Pollen oder Pilzsporen – in der Luft sind. Menschen mit einer Allergie wie Heuschnupfen oder allergischem Asthma können dann schwere Asthmaanfälle oder starke Symptome einer allergischen Rhinitis bekommen.

Weitere Informationen zum Thema Gewitterasthma  

Mehr Schimmel durch höhere Feuchtigkeit

Der Klimawandel begünstigt Stürme, Starkregen und Hochwasser. Durch die damit verbundene Feuchtigkeit kann Schimmelpilz besser wachsen – sowohl draußen als auch drinnen. Ist die Luft stärker mit Schimmelpilzsporen belastet, reagieren Menschen mit allergischem Asthma stärker und häufiger mit Asthmasymptomen und Asthmaanfällen. Bei starkem Wind verbreiten sich die Sporen zudem über ein größeres Gebiet. 

Hier erhalten Sie umfassende Informationen zum Thema Schimmelallergie.

Quellen

Die hier aufgeführten Leitlinien und Aufsätze richten sich, so nicht ausdrücklich anders vermerkt, an Fachkreise. Ein Teil der hier angegebenen Aufsätze ist in englischer Sprache verfasst.

Agache, I. et al.: Climate change and global health: A call to more research and more action. In: Allergy, 2022, 77(5): 1389 – 1407

  • Beck I, et al.: High environmental ozone levels lead to enhanced allergenicity of birch pollen. PLoS One. 2013, 20;8(11): e80147. doi: 10.1371/journal.pone.0080147
  • Bergmann, K. C. et al.:  Klimawandel und Pollenallergie: Städte und Kommunen sollten bei der Bepflanzung des öffentlichen Raums Rücksicht auf Pollenallergiker nehmen. In: Allergo Journal, 2012, 21 (2): 103-108
  • Damialis, A. et al., COVID-19/POLLEN Study Group: Higher airborne pollen concentrations correlated with increased SARS-CoV-2 infection rates, as evidenced from 31 countries across the globe. In: Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A., 2021, 118, e2019034118
  • D’Amato, G. et al.: The effects of climate change on respiratory allergy and asthma induced by pollen and mold allergens. In: Allergy. 2020, 75: 2219 – 2228
  • Gilles, S. et al.:  Pollen exposure weakens innate defense against respiratory viruses. In: Allergy, 2020, 75, 576 – 587
  • Heuson, C.: Climate Effect, Globalization, and Ethics in Allergy. In: Allergic Diseases – From Basic Mechanisms to Comprehensive Management and Prevention, 2022, 268: 367 – 390
  • Klimek, L. et al. (2019): Weißbuch Allergie in Deutschland. Springer, Berlin/Heidelberg, ISBN: 978-3-89935-313-6
  • Luschkova, D., Traidl-Hoffmann, C., Ludwig, A. : Climate Change and Allergies. Allergo J. 2022, 31(4): 44–53. https://doi.org/10.1007/s40629-022-00212-x
  • Luschkova, D. et al.: Neurodermitis ist eine Umwelterkrankung. In: Immunology and Allergy, 2021, 9:681-688
  • Pacheco, S. et al.: Climate change and global issues in allergy and immunology. In:  Journal of Allergy and Clinical Immunology, 2021, 148 (6): 1366-1377
  • Rauer D. et al.: Ragweed plants grown under elevated CO2 levels produce pollen which elicit stronger allergic lung inflammation. Allergy. 2021, 76(6):1718-1730.
  • Rothenberg, M.: The climate change hypothesis for the allergy epidemic. In: Journal of Allergy and Clinical Immunology, 2022, S0091-6749(22)00224-X
  • Rädler, A.T. et al.: Frequency of severe thunderstorms across Europe expected to increase in the 21st century due to rising instability. In: npj Clim Atmos Sci, 2019, 2, 30
  • Schulz, C. et al.: Planetary Health - Klima, Umwelt und Gesundheit im Anthropozän. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
  • Singer, B. D. et al.: Research note: Increasing Amb a 1 content in common ragweed (Ambrosia artemisiifolia) pollen as a function of rising atmospheric CO2 concentration. Functional Plant Biology, 2005, 32(7): 667- 670
  • Sousa-Silva, R. et al.: Strong variations in urban allergenicity riskscapes due to poor knowledge of tree pollen allergenic potential. In: Scientific Reports, 2021, 11 (1): 10196.
  • Traidl-Hoffmann, C. et al. (2021): Überhitzt: Die Folgen des Klimawandels für unsere Gesundheit. Was wir tun können. Duden Verlag
  • Traidl-Hoffmann, C. et al. (2022): Allergic Diseases – From Basic Mechanisms to Comprehensive Management and Prevention. Springer, Berlin/Heidelberg, ISBN: 978-3-030-84048-8

Letzte Aktualisierung:

22.02.2022