Wie werden Insektengiftallergien behandelt?

Selbsthilfe

Bei verstärkten Lokalreaktionen genügt es, ein entzündungshemmendes Glukokortikoid als Creme oder Gel auf die Einstichstelle aufzutragen. Zusätzlich wird empfohlen, einen kühlenden Umschlag etwa 20 Minuten lang auf die Einstichstelle zu legen und das mehrmals zu wiederholen.

Experten empfehlen außerdem bei Stichen in Kopf und Hals, die Betroffenen kurzzeitig stationär in eine Klinik aufzunehmen. Bei verzögerten anaphylaktischen Reaktionen wie einer Blockade der Atemwege kann so schnell reagiert werden.

Notfallbehandlung vor Ort

Bei einer schnell auftretenden Allgemeinreaktion (Anaphylaxie) sind Rettungskräfte oft noch nicht vor Ort. Erste Anzeichen sind

  • Kratzen in Hals und Rachen
  • Jucken an Handflächen, Fußsohlen und im Genitalbereich
  • Hautrötung
  • Nesselausschlag
  • Schwellung von Lippen und Gesicht
  • Übelkeit und Erbrechen
  • unbestimmtes Angstgefühl

Bei diesen Symptomen sollte der Notarzt gerufen werden. Betroffene, die früher schon  eine Anaphylaxie erlitten haben, tragen häufig ein Notfallset bei sich. Die Betroffenen sowie ihre Begleiterinnen und Begleiter müssen mit Hilfe dieses Notfallsets erste Maßnahmen selbst einleiten, um die Wartezeit bis zum Eintreffen des Rettungsteams zu überbrücken.

Langfristige Behandlung – Die spezifische Immuntherapie (SIT)

© Agnes Sadlowska/fotolia
Ein Wirkstoff wird in die Haut gespritzt. © Agnes Sadlowska-Fotolia

Zur langfristigen Behandlung von Patienten mit Insektenallergie gehört neben der Allergievermeidung die spezifische Immuntherapie (SIT) oder Hyposensibilisierung. 

Die SIT ist bei Insektengiftallergie mit anaphylaktischer Reaktion der Goldstandard. Das heißt, sie zeigte in diversen kontrollierten Studien eine hohe Wirksamkeit im Vergleich zur Placebobehandlung. Bei einer SIT erhalten die Betroffenen über einen Zeitraum von mindestens drei Jahren hinweg regelmäßig, meistens im Monatsabstand, Injektionen mit dem Insektengift, auf das sie allergisch reagiert haben. So gewöhnen sie sich allmählich an den Stoff.

Schon mit einer Dosis von 100 Mikrogramm können Studien zufolge 75-85 Prozent der Betroffenen, die gegen Bienengift allergisch sind, vor den Folgen eines erneuten Stichs geschützt werden. Bei Menschen, die gegen Wespengift allergisch sind, liegt die Erfolgsquote sogar bei 90-95 Prozent. Bei den wenigen Betroffenen, denen eine Dosis von 100 Mikrogramm noch nicht hilft, bringt meist die doppelte Dosis den Erfolg. Die Betroffenen sind damit nicht nur geschützt vor anaphylaktischen Reaktionen, sondern auch ihre Lebensqualität steigt deutlich. Sie können sich wieder ohne Angst im Freien bewegen.

Wann ist eine spezifische Immuntherapie möglich?

Bei Erwachsenen ist die Behandlung mit einer SIT laut Leitlinie der allergologischen Fachgesellschaften dann angezeigt, wenn tatsächlich eine Allergie vorliegt, das auslösende Allergen genau bekannt ist, und die Betroffenen in der Vergangenheit schwere oder die Lebensqualität einschränkende Reaktionen erlitten haben. 

Ohne den Nachweis, welches Insektengift die allergische Reaktion verursacht hat, wird keine SIT verschrieben. Ausnahmen kann es lediglich für Menschen mit einem sehr hohen Risiko geben, vor allem bei Mastozytose. Daher können bei nicht eindeutigen Befunden auch die aufwändigeren zelldiagnostischen Tests (Basophilenaktivierungstest, Leukotrien- oder Histaminfreisetzungstest genutzt werden, um sich Klarheit über das auslösende Allergen zu verschaffen. 

Unter Expertinnen und Experten herrscht keine Einigkeit über die zweite Voraussetzung. Denn mehrere Studien sind zu dem Ergebnis gekommen, dass auch eine leichte Allgemeinreaktion auf einen Insektenstich in der Vergangenheit das Risiko einer schweren Anaphylaxie erhöht. Auch das amerikanische Joint Council of Allergy, Asthma and Immunology empfiehlt bei Insektengiftallergie-Betroffenen ab 16 Jahren immer eine SIT, unabhängig davon, wie schwer die allergische Allgemeinreaktion war. 

Bei Kindern zwischen 2 und 16 Jahren, die ausschließlich Hautreaktionen auf einen Insektenstich zeigten, kann hingegen unter Umständen auf eine SIT verzichtet werden. Eine nordamerikanische Studie kam zu dem Ergebnis, dass spätere Stiche bei weniger als 20 Prozent dieser Kinder eine allergische Allgemeinreaktion zur Folge hatten. Schwerere Reaktionen wurden gar nicht verzeichnet. Es stellt sich also die Frage, ob Kinder einer jahrelangen Injektionstherapie ausgesetzt werden sollten, wenn die Folgen eines weiteren Stiches nicht gravierend sind. Allerdings: Kinder, die eine SIT durchliefen, zeigten laut einer Studie bei späteren Stichen in keinem einzigen Fall mehr eine Reaktion.

Schwangerschaft und SIT

Schwangere sollten eine Insektengiftallergie-SIT nicht beginnen. Eine bei Eintritt der Schwangerschaft bereits laufende SIT, die gut vertragen wird, kann jedoch problemlos fortgesetzt werden, ohne Schäden für sich und das Ungeborene befürchten zu müssen. Werden Schwangere mit einer Insektengiftallergie ohne SIT gestochen und erleiden eine analphylaktische Reaktion, sind Missbildungen beim Kind, Abgänge und auch eine erhöhte mütterliche Sterblichkeit zu befürchten. Frauen im gebärfähigen Alter sollten daher nach einer allergischen Allgemeinreaktion durch Insektenstich unbedingt eine SIT durchführen.

Behinderung und SIT

Bei Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung sollte nach anaphylaktischer Reaktion eine SIT schnellstmöglich begonnen werden. Denn die Einschränkungen führen oft dazu, dass die Betroffenen nicht in der Lage sind, die Allergene zu vermeiden oder im Fall eines erneuten Stichs Selbsthilfemaßnahmen zu ergreifen.

SIT bei Hummel- oder Hornissenallergie

Präparate mit Hummel- oder Hornissengift sind in Mitteleuropa nicht erhältlich. Allergien gegen diese beiden Insektengifte sind aber in der Bevölkerung sehr selten und werden bei Hummeln mit Bienen- und bei Hornissen mit Wespengift behandelt.

Wann sollte man keine SIT durchführen?

Wie bei anderen Allergien auch sollte man eine SIT gegen Insektengift bei einem akuten grippalen Infekt genauso wenig beginnen wie bei einem unzureichend eingestellten Asthma. Wichtig ist, dass den Betroffenen vorher klar ist: Eine einmal begonnene SIT muss mindestens drei Jahre lang durchgehalten werden. Wird vorzeitig aufgehört, könnten sich die allergischen Reaktionen verschlimmern anstatt zu verbessern. 

Andere Kontraindikationen, die normalerweise bei einer SIT gelten, sollten bei einer Insektengiftproblematik hinterfragt werden. Denn in der Einzelabwägung erscheint oft das Risiko einer Komplikation der SIT geringer als das Risiko einer potentiell lebensbedrohlichen anaphylaktischen Reaktion ohne SIT. Genaue Rücksprache mit den behandelnden Fachärzten ist erforderlich bei 

  • schweren Herzerkrankungen,
  • Krebs,
  • Immunerkrankungen.

Bei Herzkranken, die mit Betablockern oder ACE-Hemmern behandelt werden, ist es meist möglich, auf ein Ersatzmedikament auszuweichen. Dies sollte mindestens eine Woche vor Beginn der SIT geschehen. Betroffene mit Tumorerkrankungen sollten abwarten, bis der Tumor auf die Behandlung angesprochen hat. 

Nebenwirkungen der spezifischen Immuntherapie

Wie alle medikamentösen Behandlungen hat auch die SIT Wirkungen und Nebenwirkungen. Bei den meisten Betroffenen treten an der Einstichstelle Reaktionen wie Rötungen und Schwellungen auf. Leichte Allgemeinreaktionen sowie Müdigkeit und Kopfschmerzen können ebenfalls vorkommen. Sie sind bei einer Behandlung mit Bienengift häufiger als bei einer Therapie mit Wespengift.

Betroffene mit Mastozytose sollten die SIT in der Anfangsphase im Krankenhaus vornehmen lassen, da hier schwere Allgemeinreaktionen nicht auszuschließen sind. Bei Menschen, die Medikamente gegen Bluthochdruck nehmen, treten Allgemeinreaktionen ebenfalls häufiger auf. Eventuell ist hier die Gabe eines entzündungshemmenden Medikaments (Antihistaminikum) hilfreich. Wenn Betroffene während der SIT wiederholt Allgemeinreaktionen zeigen und ein Antihistaminikum auch nichts hilft, empfehlen die zuständigen Fachgesellschaften die Gabe von Omalizumab unter kontrollierten Bedingungen. Dieses Medikament neutralisiert die bei der Allergieentstehung wichtigen IgE-Antikörper.

Welchen Schutz bietet eine spezifische Immuntherapie?

Um zu überprüfen, ob die SIT gewirkt hat, kann eine Stichprovokation erfolgen. Dabei lassen sich die Betroffenen unter strenger Überwachung im Krankenhaus vom einst allergieauslösenden Insekt erneut stechen. Treten keine Reaktionen auf, war die SIT erfolgreich. Kommt es zu einer Allgemeinreaktion, hat die Therapie versagt. Die SIT wird dann in der Regel mit erhöhter Dosierung fortgesetzt. Diese Stichprovokation sollte cirka sechs bis achtzehn Monate nach Beginn der SIT stattfinden.

Eine erfolgreiche SIT ist keine Garantie für lebenslangen Schutz. Bei bis zu fünfzehn Prozent der Betroffenen geht die Schutzwirkung binnen fünf bis zehn Jahren verloren. Lebenslangen Schutz verspricht nur eine dauerhafte SIT. Da die regelmäßigen Injektionen aber auch belastend sind, wird dies nur empfohlen 

  • bei Mastozytose
  • wenn die Betroffenen bereits einmal eine Anaphylaxie mit Herz-, Kreislauf- oder Atemstillstand erlitten haben.

In allen anderen Fällen raten die Fachgesellschaften 

  • das Notfallset auch nach erfolgreichem Abschluss einer SIT weiterhin mitzuführen und auch an den angebotenen Schulungen teilzunehmen,
  • Vorsichtsmaßnahmen zur Allergenvermeidung beizubehalten,
  • alle ein bis zwei Jahre eine Kontrolluntersuchung durchführen zu lassen, bei der auch die Haltbarkeit der Medikamente des Notfallsets überprüft wird,
  • nach einem erneuten Stich durch Haut- und Bluttests die Allergieneigung zu überprüfen.
Letzte Aktualisierung: 17. März 2017 / Quellen
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Quellen:
  • Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Aktionsplan Allergien - Allergieportal. (eingestellt am 31.12.2012)
  • Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) et al.: Diagnose und Therapie der Bienen und Wespengiftallergie. Stand: 01.03.2011. Wird zur Zeit überprüft (Letzter Abruf: 11.03.2017)
  • Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) et al.: Akuttherapie und Management der Anaphylaxie. In Allergo J Int 2014, 23: 96. (Letzter Abruf: 18.01.2017)
  • European Centre for Allergy Research Foundation (ECARF): Insektengiftallergie (Letzter Abruf: 18.01.2017)
  • Präventions- und Informationsnetzwerk Allergie und Asthma e.V., (Hrsg.): Allergien und Asthma bei Kindern und Jugendlichen – das pina-online Buch, Kap. 9 Insektengiftallergien (Letzter Abruf 18.01.2017)
  • Hoffman D. et al.: Allergens in Hymenoptera venom. XXVII: bumblebee venom allergy and allergens. In: J Allergy Clin Immunol. 1996, 97(3): 812-21.
  •  J. Park, et al.: Risk Associated with Bee Venom Therapy: A Systematic Review and Meta-Analysis. In: PLoS 1 2015, 10 (5)
  • Valentine M. et al.: The value of immunotherapy with venom in children with allergy to insect stings. In: N Engl J Med 1990, 323: 1601 - 16033
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  • Schwartz H. et al.: Venom immunotherapy in the Hymenoptera-allergic pregnant patient.
  • In: J Allergy Clin Immunol 1990, 85: 709–12
  • Erasmus C. et al.: Infantile multicystic encephalomalacia after maternal bee sting anaphylaxis during pregnancy. In: Arch Dis Child 1982, 57: 785 -787
  • Golden D. et al.: Outcomes of allergy to insect stings in children, with and without venom immunotherapy. In: N Engl J Med 2004, 351: 668–674
Letzte Aktualisierung:
17. März 2017
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Prof. Dr. Thomas Fuchs

Ärzteverband Deutscher Allergologen

c/o Universitätsmedizin Göttingen,
Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie

E-Mail: fuchsth noSp@m@med.uni-goettingen.de