Nahrungsmittelallergie: Diagnose

Wissenschaftliche Beratung: Prof. Dr. Margitta Worm und Dr. Imke Reese

Bei den Nahrungsmittelallergien ist die Abgrenzung zu nicht-allergischen Unverträglichkeitsreaktionen schwierig, weil in beiden Fällen vor allem die Magen-Darm Symptome ähnlich sind.

Einteilung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten in toxisch (Lebensmittelvergiftung), strukturell (Organveränderungen, z.B. Tumore, chronische Entzündungen) und nicht toxisch bedingte Lebensmittelunverträglichkeit. Zu den nicht toxisch bedingten Lebensmittelunverträglichkeiten zählen die immunologisch vermittelte Nahrungsmittelallergie und die nicht immunologisch vermittelte Nahrungsmittelunverträglichkeit. Die immunologische Nahrungsmittelallergie kann IgE-vermittelt eine primäre oder sekundäre Nahrungsmittelallergie sein oder nicht IgE-vermittelt durch andere Mechanismen entstehen, z.B. Neurodermitis, eosinophile Erkrankungen des Verdauungstrakts, Zöliakie. Zu den nicht immunologischen Nahrungsmittelunverträgklichkeiten gehören die Kohlenhydratverwertungsstörungen (z.B. Milchzucker- oder Fruchtzuckerunverträglichkeit) und "Pseudoallergien" (z.B. gegen natürliche Aromastoffe und diverse Zusatzstoffe). Quelle: Kleine-Tebbe, J. et al.: Nahrungsmittelallergien und andere -unverträglichkeiten. Bedeutung, Begriffe und Begrenzung. In: Bundesgesundheitsbl 2016; 59: 705-722

Persönliches Arztgespräch

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Nahrungsmittelallergie: Arztgespräch

Ein wichtiger Bestandteil des Diagnoseprozesses ist das persönliche Arztgespräch. Zur Vorbereitung kann bei chronischen Beschwerden ein Ernährungs- und Symptomtagebuch nützlich sein. Darin sollten die Betroffenen während zwei bis drei Wochen folgende Angaben, am besten mit Uhrzeit, festhalten:

  • Bestandteile der Mahlzeiten
  • Getränke
  • Verzehr von Süßigkeiten etc.
  • auftretende Beschwerden im zeitlichen Zusammenhang mit den Mahlzeiten
  • Medikamenteneinnahme
  • sonstige Auffälligkeiten in Zusammenhang mit den Beschwerden

Auf das Arztgespräch selbst kann man sich auch mit Hilfe einer Checkliste vorbereiten. Der Arzt oder die Ärztin wird Fragen stellen nach:

  • bekannten allergischen Erkrankungen
  • allergischen Erkrankungen bei Eltern, Geschwistern und Kindern
  • Medikamenteneinnahme
  • anderen eventuell vorliegenden Erkrankungen
  • Anzeichen psychischer Belastung

Anschließend wird er oder sie die Betroffenen fragen, ob sie die Symptome genauer beschreiben können:

  • Wann treten sie auf?
  • Wo treten sie auf?
  • Wodurch werden sie verursacht?
  • Wie lange halten sie an?
  • Wie oft kommen sie vor?
  • Spielen körperliche Belastung (Sport, Anstrengung etc.), Medikamente, Alkohol etc. eine Rolle oder verstärken sie die Symptomatik?
  • Was haben die Betroffenen schon unternommen, um sie zu lindern (zum Beispiel Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel)?

Tests bei Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie

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Pricktest bei Nahrungsmittelallergie

Zumeist folgen dann Haut- und/oder gegebenenfalls Bluttests zur IgE-Bestimmung. Sie geben Hinweise, ob eine Sensibilisierung des Immunsystems auf ein bestimmtes Allergen vorliegt. Diese Sensibilisierung kann, muss aber nicht, mit Symptomen einhergehen. Liegt eine Sensibilisierung vor, aber keine Beschwerden, spricht man von einer stummen Symptomatik.

Da es nicht für alle Nahrungsmittel geeignete kommerzielle Testlösungen gibt, wird der Hauttest in einigen Fällen mit dem Lebensmittel selbst durchgeführt.

Video: Wie wird eine Allergie festgestellt?

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In einigen Fällen können Hauttests allerdings nicht durchgeführt werden, so zum Beispiel:

  • bei Hauterkrankung im Testareal
  • bei Einnahme von Medikamenten, die das Testergebnis beeinflussen könnten (beispielsweise anti-allergischen Medikamenten, wie Antihistaminika)

In diesen Fällen sowie bei kleineren Kindern wird der Arzt einen Bluttest durchführen.

Allerdings gibt es spezielle Allergieformen, bei denen IgE-Antikörper keine Rolle spielen (z. B. FPIES). In diesen Fällen ist die Erfassung der Krankengeschichte das wichtigste diagnostische Instrument. Ist die Krankengeschichte allein nicht aussagekräftig, kann eine Auslassdiät (Eliminationsdiät) und ein darauf folgender Provokationstest unter Arztaufsicht Klarheit schaffen. Hierbei wird das fragliche Allergen beziehungsweise das zu testende Lebensmittel in der Regel oral (d.h. über den Mund) eingenommen und geschluckt. Er sollte wegen möglicher gefährlicher Reaktionen idealerweise in einer Klinik stattfinden.

Gut zu wissen:

Diagnostische Diäten sind zeitlich begrenzt und sollten maximal 14 Tage durchgeführt werden.

Eliminationsdiät ("Auslassdiät")

Zur Sicherung des Verdachts einer Nahrungsmittelallergie kann eine diagnostische Eliminationsdiät durchgeführt werden. Dies ist sinnvoll, wenn es sich um chronische Beschwerden handelt, um zu prüfen, ob diese bei Meidung des verdächtigten Nahrungsmittels nicht mehr auftreten.

Eine Eliminationsphase von mehr als zwei Wochen Dauer ist laut Leitlinie nicht empfehlenswert, weil sich allergische Reaktionen dann schlechter einschätzen lassen, wenn das Lebensmittel wieder verzehrt wird. Zudem kann eine mögliche Toleranz gegen das getestete Nahrungsmittel verloren gehen.

In der Eliminationsphase wird beobachtet, ob die Allergiesymptome sich bessern. Am Ende steht ein Provokationstest unter ärztlicher Aufsicht. Wenn die Symptome dabei wieder auftreten, ist das Allergen gefunden.

Abzugrenzende Krankheitsbilder

Bestimmte Stoffe in Nahrungsmitteln können Abwehrzellen (Mastzellen) aktivieren und Entzündungsprozesse auslösen, ohne dass die Immunzellen selber oder die IgE-Antikörper beteiligt sind. Beobachtet wurde dies etwa bei natürlichen Aromastoffen, Schwefelverbindungen, Verbindungen der Benzoesäure, histaminhaltigen Nahrungsmitteln und Glutamat.

Auch Menschen mit Neurodermitis reagieren manchmal auf Genuss- und Nahrungsmittel wie (scharfe) Gewürze, Alkohol, Kaffee und Zitrusfrüchte (Zitronen, Orangen etc.) mit Brennen und Missempfindungen im Mund- und Rachenbereich, Juckreiz und/oder Hautverschlechterung, ohne das eine Nahrungsmittelallergie vorliegt. Welche Prozesse dabei genau ablaufen, ist noch nicht endgültig erforscht.

Andere Krankheiten, die von den Symptomen her Nahrungsmittelallergien ähnlich sind, und daher in der Diagnostik ausgeschlossen werden müssen, sind beispielweise:

  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
  • Kohlenhydratverwertungsstörungen (-malabsorptionen). Bei dieser Erkrankung verträgt der Körper generell bestimmte Gruppen von Kohlenhydraten nicht. Beispiele sind die Laktose- und die Fruktoseintoleranz.

Wissenschaftliche Beratung

Prof. Dr. Margitta Worm

Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie e.V.

c/o Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie, Allergie-Centrum-Charité

E-Mail: margitta.wormnoSp@m@charite.de

Dr. Imke Reese

Deutsche Gesellschaft für Alleroglogie und Immunologie, AG Nahrungsmittelallergie

c/o Ernährung & Allergologie, München

E-Mail: infonoSp@m@ernaehrung-allergologie.de

Quellen:

Die hier aufgeführten Leitlinien und Aufsätze richten sich, so nicht ausdrücklich anders vermerkt, an Fachkreise. Ein Teil der hier angegebenen Aufsätze ist in englischer Sprache verfasst.

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  • Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2015): „Klarheit und Sicherheit an der Ladentheke – Informationen für Allergikerinnen und Allergiker“, Informationsblatt
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  • Worm, M.: S2k-Leitlinie zum Management IgE-vermittelter Nahrungsmittelallergien. In: Allergo J Int 2015, 24: 256
  • Worm, M.: First European data from the network of severe allergic reactions (NORA). In: Allergy. 2014, 69(10): 1397-404 
  • Worm et al.: S1-Leitlinie zur Nahrungsmittelallergie infolge immunologischer Kreuzreaktivitäten mit Inhalationsallergenen. In: Allergo J Int 2014, 23,1: 16-31 (zurzeit in Überprüfung; letzter Abruf: 11.11.2019)
  • Zuberbier, T. et al.: „Prevalence of adverse reactions to food in Germany – a population study“. In: Allergy 2004, 59: 338–345

Letzte Aktualisierung:

11. November 2019

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