Neurodermitis oder atopisches Ekzem - Was ist das?

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Schema zum Aufbau der Haut

Neurodermitis ist eine häufige Hautkrankheit, die nicht ansteckend ist und oft schubweise verläuft. Im Zentrum der Erkrankung stehen eine gestörte Barrierefunktion der Haut und überschießende Reaktionen des Immunsystems. Weitere Namen für die Erkrankung wie atopisches Ekzem oder atopische Dermatitis weisen auf die Rolle der Atopie, also auf eine Neigung zu Allergien und Überempfindlichkeiten hin.

Neurodermitis-Betroffene sind oft auch Atopiker. Für Atopiker kennzeichnend ist das gleichzeitige Auftreten mehrerer allergischer Erkrankungen. So leiden Neurodermitis-Betroffene häufig auch unter allergischer Rhinitis (zum Beispiel Heuschnupfen oder Hausstaubmilbenallergie), Asthma oder anderen allergisch bedingten Beschwerden.

Die Neurodermitis wird als die Eintrittspforte für die „Karriere“ der Allergiker angesehen, weil oft erst durch die Barrierestörung der Haut eine Sensibilisierung und manifeste Allergie entsteht. Deswegen ist es wichtig, eine Neurodermitis frühzeitig und bestmöglich zu behandeln.

In der Fachwelt findet man manchmal auch die Bezeichnung „endogenes Ekzem.“ Sie weist eher auf die körpereigenen (endogen) Krankheitsmechanismen hin, die bei der Neurodermitis eine noch nicht vollständig aufgeklärte Rolle spielen. Klar wird durch die unterschiedlichen Bezeichnungen, dass die Neurodermitis vielschichtige Ursachen hat. Diese Ursachen – und Therapieansätze – weiter zu ergründen, ist Aufgabe der Forschung. 

Wie entsteht Neurodermitis (atopisches Ekzem)?

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Schematische Darstellung des Erbguts als Neurodermitis-Ursache

Viele Zusammenhänge, die zum Entstehen einer Neurodermitis, auch atopisches Ekzem genannt, beitragen, sind noch unerforscht. Klar ist, es handelt sich um ein komplexes Zusammenspiel von genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren. Am Anfang steht in vielen Fällen die genetische Vorbelastung für eine Barrierestörung der Haut. Wenn beide Eltern an Neurodermitis leiden, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass auch ihr Kind betroffen sein wird, bei 60 bis 80 Prozent. Bei Familien, in denen kein Elternteil eine Erkrankung des atopischen Formenkreises hat, sind immerhin noch 5 bis 15 Prozent der Kinder betroffen.

Im Jahr 2015 gelang es einem internationalen Forschungsverbund unter Mitwirkung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Helmholtz Zentrums München, zehn neue Genregionen zu identifizieren, die das Risiko für Neurodermitis erhöhen. Dabei wurden weltweit 350.000 Menschen untersucht. Insgesamt steigt die Zahl der in Frage kommenden Genregionen damit auf 31. Die Forscherinnen und Forscher stellten Unterschiede zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen in der Anfälligkeit für Neurodermitis fest. Sie werden im Weiteren klären, welche molekularen Mechanismen dieser Genvarianten das Risiko für Entzündungen im Allgemeinen und für Neurodermitis im Speziellen erhöhen.

Formen der Neurodermitis

Für Experten ist klar, dass es unterschiedliche Formen der Neurodermitis gibt – so unterschiedlich, dass man jede Form auch anders behandeln muss. Allerdings ist bis heute nicht klar, wie man diese Formen (auch Endotypen genannt) durch Laborwerte oder andere Merkmale unterscheiden kann. 

Seit langem besteht die Unterscheidung von extrinsischer und der intrinsischer Form. Bei der weitaus häufigeren extrinsischen Form sind Antikörper vom Typ Immunglobulin E (IgE) im Blutserum sind deutlich erhöht. Klassische Allergien bei Neurodermitikern sind Reaktionen auf Hausstaubmilben aber auch Pollen und Nahrungsmittel. Bei dieser Art der Neurodermitis können Schübe durch diese Allergene ausgelöst werden, aber auch unabhängig von ihnen. Wichtig zu unterstreichen ist, dass die Neurodermitis keine Nahrungsmittelallergie ist, sondern manchmal mit dieser gemeinsam auftritt. 

Bei der intrinsischen Form der Neurodermitis liegt der IgE-Spiegel im Normalbereich. Das heißt, allergische Reaktionen spielen in diesem Fall bei der Auslösung der Neurodermitis (noch) eine untergeordnete Rolle. Durch Langzeitbeobachtungen weiß man heute, dass sich erst durch die Barriere-Störung der Haut eine Allergie, beispielsweise auf Nahrungsmittel entwickeln kann. Dann wird aus der intrinsischen eine extrinsische Neurodermitis. Deswegen ist schon allein die effektive Behandlung der Neurodermitis eine wichtige und sehr wahrscheinlich entscheidende präventive Maßnahme, um die weitere "Karriere" des Atopikers aufzuhalten.

Geschwächte Barrierefunktion der Haut

Die Haut schirmt uns gegenüber der Umwelt ab. Als Grenzorgan zur Umwelt hat sie eine wichtige Funktion als Barriere, die den Körper vor schädlichen äußeren Einflüssen schützt. Bei dieser Barriere spielt der Schutzfilm der Haut eine bedeutende Rolle. Er besteht aus Wasser, Salzen, Hautfetten und Talgdrüsensekret, hält die Haut feucht und schützt sie normalerweise vor dem Eindringen von Krankheitserregern wie Bakterien und Pilzen. 

Menschen mit Neurodermitis haben meist eine extrem trockene Haut. Das ist ein Zeichen für einen bestehenden Barrieredefekt. Auch die Zusammensetzung der Hautfette scheint gestört zu sein, was zu einem Feuchtigkeitsverlust führt. Bei einem Teil der Betroffenen mangelt es zudem infolge eines Gendefekts an einem Eiweiß (Filaggrin), das für die Bildung der schützenden Barriere in der Oberhaut (Epidermis) wichtig ist. Die Haut wird so zu einer Schwachstelle des Körpers, durch die Krankheitserreger und Allergene leichter eindringen können. Das Immunsystem reagiert hierauf eigentlich logisch: Es kommt zu einer Ansammlung von Immunzellen in der Haut.

Bei Neurodermitis werden harmlose Substanzen zum Gegner

Bei allergieanfälligen Menschen neigen die Immunzellen dazu, völlig harmlose Substanzen fälschlicherweise als Gegner zu identifizieren und mittels Entzündungsprozessen abzuwehren. Diese Entzündungen spielen sich bei Neurodermitis-Betroffenen auch in der Haut ab, da die Allergie-auslösenden Substanzen durch deren geschwächten Schutzfilm leicht eindringen können. 

Neurodermitis-Betroffene kämpfen ihr Leben lang mit trockener Haut. Trockene Haut ist rau, reißt leicht ein und ist sehr empfindlich gegenüber äußeren Einflüssen. Hinzu kommt, dass aus noch ungeklärten Gründen die Schweißproduktion schwankt, mal zu stark ist und mal zu schwach. Schweiß führt häufig zu Juckreiz, wodurch sich der Zustand der Haut weiter verschlechtert. 

Letzte Aktualisierung: 09.11.2018 / Quellen
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Letzte Aktualisierung:
09.11.2018

Die hier aufgeführten Leitlinien und Aufsätze richten sich, so nicht ausdrücklich anders vermerkt, an Fachkreise. Ein Teil der hier angegebenen Aufsätze ist in englischer Sprache verfasst.

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