Was sind die Risikofaktoren für Neurodermitis (atopisches Ekzem)?

Neurodermitis ist nicht nur eine Erkrankung – vielmehr gehen Forscherinnen und Forscher heute davon aus, dass es viele Untergruppen gibt – die Endotypen. Es gibt viele Faktoren, die eine bereits bestehende Erkrankung verschlimmern und zu neuen Schüben führen können. Bekannt ist, dass oft das Wetter eine Rolle spielt. Die Sonne tut vielen Neurodermitis-Betroffenen gut. Sie hat auch antientzündliche Wirkungen. Im Winter dagegen trocknet die Haut leichter aus und ihr Zustand verschlechtert sich.

Einen ähnlichen Effekt kann trockene Heizungsluft hervorrufen. Andere Allergene wie Hausstaubmilben in Räumen und Pollen an der Außenluft tragen ebenfalls oft zu einem Neurodermitis-Schub bei. Umstritten waren lange die schädlichen Wirkungen von Zigarettenrauch. Es gab bis in die jüngste Zeit hinein widersprüchliche Studienergebnisse. Jetzt hat eine Übersichtsstudie frühere Vermutungen bestätigt: Je mehr Tabakrauch Kinder einatmen müssen, umso höher ist ihr Risiko, an einer Neurodermitis zu erkranken.

Was verstärkt die Neurodermitis?

Nahrungsmittel können auf verschiedene Weise, durch allergische und nicht-allergische Reaktionen, eine Neurodermitis verschlimmern: 

  • als echte Allergie auf Grundnahrungsmittel, unter Beteiligung von IgE-Antikörpern. Bei etwa einem Drittel aller Kinder können Grundnahrungsmittel einen Neurodermitis-Schub provozieren. Zu ihnen gehören Hühnerei, Kuhmilch, Hasel-, Wal- und Erdnüsse, Sojabohnen, Weizen und Fisch. Meist beschränken sich die Reaktionen auf ein oder zwei dieser Lebensmittel. Laut Experten ist aber wichtig zu beachten, dass sich die Diagnose einer zugrunde liegenden Nahrungsmittelallergie nicht allein auf die IgE-Antikörper im Blut stützen darf. Sonst drohen Fehldiagnosen.
  • als Pollen-assoziierte Kreuzallergien auf Nahrungsmittel: Im Erwachsenenalter zeigt eine erhebliche Anzahl der Neurodermitis-Betroffenen auch Heuschnupfen-Symptome. Zu vielen Pollenarten gibt es strukturverwandte Nahrungsmittel, die Pollenallergiker oft nicht vertragen und entsprechende Symptome im Mund- und Rachenraum sowie im Verdauungstrakt entwickeln. Diese Kreuzallergien führen bei Menschen mit Neurodermitis dann auch zu einer Verschlechterung des Hautbildes. Zum Beispiel reagieren Birkenpollen-Allergiker oft mit Allgemeinsymptomen gegen Haselnüsse, Mandeln, Äpfel, Birnen, Aprikosen, Brombeeren, Erdbeeren, Himbeeren, Litschis, Kirschen, Kiwi, Pfirsiche, Quitten oder Zwetschgen.
  • als Pseudoallergien auf natürliche und synthetische Inhaltsstoffe: Bei Neurodermitis-Betroffenen wurden schon Hautreaktionen auf natürliche oder künstliche Lebensmittel-Inhaltsstoffe beobachtet, bei deren Entstehen IgE-Antikörper keine Rolle spielen. Als Auslöser von Pseudoallergien wurden bisher in anekdotischen Patientenberichten natürliche Inhaltsstoffe von Lebensmitteln wie Salicyl- und Benzoesäure oder Aromastoffe in Tomaten und Gewürzen genauso benannt wie künstliche Zusatzstoffe (Azo- und andere Farbstoffe, Konservierungsstoffe). Auch Geschmacksverstärker, Zitronensäure und Zitrusfrüchte können nach Angaben von Betroffenen pseudoallergische Reaktionen hervorrufen. Aufgrund der geringen Anzahl der Betroffenen fehlen hier evidenzbasierte Studien.

Neben Nahrungsmitteln kommen noch andere Stoffe als Auslöser oder Verstärker von Neurodermitis in Frage:

  • so genannte Reizstoffe: Es gibt einige zum Beispiel im Haushalt verwendete Chemikalien, die Hautreaktionen hervorrufen können. Dazu gehören das in Desinfektionmitteln enthaltene Glutaraldehyd oder Terpene aus Reinigungsmitteln,
  • Inhaltsstoffe von Cremes und anderen Kosmetika: Konservierungs- und Duftstoffe können eine Kontaktallergie auslösen und zu einer Neurodermitis beitragen. Bekannt ist dies bei Perubalsam, Lanolin und Emulgatoren sowie bei natürlichen Pflanzenauszügen wie Arnika und Kamille.

Neurodermitis als Einfallstor für andere Krankheitserreger

Die vorgeschädigte Haut der Neurodermitis-Betroffenen macht es krankmachenden Bakterien und Pilzen leichter, sich anzusiedeln und Infektionen zu verursachen. Insbesondere Bakterien der Spezies Staphylococcus aureus sind hier zu nennen. Sie siedeln bei vielen gesunden Menschen im Mund- und Rachenraum, ohne dass diese Krankheitsanzeichen zeigen. Kommen sie allerdings mit Hautekzemen in Berührung, so vermehren sie sich explosionsartig und verschlimmern das Ekzem. Die Staphylokokken lösen eine massive Abwehrreaktion des Immunsystems aus. Es kommt zu einer so genannten Superinfektion. Binnen Stunden fangen die Ekzeme an, stark zu nässen und weisen gelbliche Krusten auf.  Kinder sind häufiger betroffen als Erwachsene.

Bei Erwachsenen wiederum kann eine Superinfektion mit dem Hefepilz Malassezia furfur die Neurodermitis verschlimmern, vor allem wenn die Ekzeme im Nacken oder unter den Haaren am Kopf angesiedelt sind. 

Gut zu wissen:

Die Behandlung von Neurodermitis-Betroffenen ist heute ganzheitlich. Sie bezieht psychische und soziale Faktoren mit ein.

Neurodermitis und Psyche

Psychische Belastungen sind in vielfacher Hinsicht ein Problem für Neurodermitis-Betroffene. Stress, Ärger in der Partnerschaft, ein Trauerfall in der Familie oder ein Burn out – all das kann einen Krankheitsschub auslösen. Dabei ist die Psyche nicht der Grund, sondern vielmehr der Anlass. Aber auch die Krankheit selber ist ein psychischer Belastungsfaktor. Der Juckreiz kann so unerträglich sein, dass die Betroffenen leicht reizbar werden, sich insbesondere wegen des ausgeprägten Schlafmangels nicht mehr richtig konzentrieren können und beruflichen oder familiären Problemen kaum noch gewachsen sind.

Die Hautveränderungen wirken auf die Mitmenschen oft abschreckend. Obwohl es nicht zutrifft, wird die Erkrankung manchmal für ansteckend gehalten. Betroffene, die immer wieder mit abweisenden Reaktionen konfrontiert werden, leiden oft umso mehr unter ihrer Erkrankung. Sie verbittern, werden unsicher in ihren sozialen Kontakten und verlieren ihr Selbstwertgefühl. Sie gehen ungern in die Öffentlichkeit. Der Weg in Ausgrenzung, Isolation und Depression scheint vorprogrammiert. Selbst die Gefahr manifester psychischer Störungen wächst.

Zudem scheint die Schwere der psychischen Problematik mit der Schwere der Hauterkrankung zu wachsen. Nicht selten leiden Kinder selbst dann an psychischen Problemen, wenn die Krankheit längst abgeklungen ist. Eine Arbeitsgruppe unter Beteiligung von Forscherinnen und Forschern des Helmholtz Zentrums München fand bei Zehnjährigen, die im Kleinkindalter unter Neurodermitis gelitten hatten, erhöhte Raten des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndroms (ADHS). Allerdings wurden die Ergebnisse dieser Studie bisher nicht bestätigt. 

Letzte Aktualisierung: 10.03.2017 / Quellen
Schließen
Quellen:
  • Alm, B. et al.: Early introduction of fish decreases the risk of eczema in infants. In: Archives of Disease in Childhood, 2009, 94: 11–15
  • Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Forschung et al.: „ULLAs Praxis – Die Umsetzung der Leitlinie Atopische Dermatitis in die Praxis“, in: Pädiatrische Allergologie, 2009, 12(2): 25 – 36
  • Bieber, T. et al.: Global Allergy Forum and 3rd Davos Declaration 2015: Atopic dermatitis/Eczema: challenges and opportunities toward precision medicine. In: Allergy, 2016, 71(5): 588-92
  • Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Aktionsplan Allergien - Allergieportal. (eingestellt am 31.12.2012)
  • Bundessozialgericht : Urteil vom 6.3.2012, Aktenzeichen B 1 KR 24/10 R
  • Bath-Hextall, FJ. et al.: Dietary exclusions for established atopic eczema (Review). In: Cochrane Database of Systematic Reviews 2008, Issue 1
  • Beck, L. et al.: Dupilumab Treatment in Adults with Moderate-to-Severe Atopic Dermatitis. In: New England Jorunal of Medicine, 2014, 371: 130 - 139
  • Bieber, T. et al.: Global Allergy Forum and 3rd Davos Declaration 2015
  • Atopic dermatitis/Eczema: challenges and opportunities toward precision medicine. In: Allergy, 2015, 71(5): 588-592
  • Center für Allergy Research and Education: https://www.ck-care.ch/ (letzter Abruf: 09.03.2017)
  • Deutscher Allergie- und Asthmabund (DAAB): Clever gesalbt bei Neurodermitis (Letzter Abruf: 09.03.2017)
  • Fluhr, JW. et al.: Silver‐loaded seaweed‐based cellulosic fiber improves epidermal skin physiology in atopic dermatitis: safety assessment, mode of action and controlled, randomized single‐blinded exploratory in vivo study. In: Experimental dermatology, 2010, 19: E9-E15
  • Gauger, A. et al.: Silver‐coated textiles reduce Staphylococcus aureus colonization in patients with atopic eczema. In: Dermatology, 2003, 207: 15-21
  • Grundmann, S. et al.: Modern Aspects of Phototherapy for Atopic Dermatitis. In: Journal of Allergy, 2012, doi:10.1155/2012/121797 (Letzter Abruf: 07.02.2017)
  • Hanifin, JM., Rajka, G.: Diagnostic features of atopic dermatitis. In: Acta Dermato-Venereologica Supplement (Stockh), 1980; 59: 44-47
  • Heinlin, J. et al.: A first prospective randomized controlled trial on the efficacy and safety of synchronous balneophototherapy vs. narrow-band UVB monotherapy for atopic dermatitis. In: Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology, 2011, 25: 765 – 773
  • Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) (Hrsg., 2006): Balneophototherapie. IQWiG-Report Nr. N04-04
  • Kantor, R. et al.: Association of atopic dermatitis with smoking: A systematic review and meta-analysis. In:  Journal of the American Academy of Dermatology, 2016, 75(6): 1119-1125
  • Klinikum rechts der Isar der TU München, Abteilung Experimentelle Dermato-Immunologie (Letzter Abruf: 09.03.2017)
  • Klinikum rechts der Isar der TU München, Abteilung Klinisch-experimentelle Allergologie (Letzter Abruf: 09.03.2017)
  • Koletzko, B. et al.: Ernährung und Bewegung von Säuglingen und stillenden Frauen. In: Monatsschrift Kinderheilkunde Supplement 5, 2016, 164: S433-S457
  • Koppelhus, U. et al.: Cyclosporine and extracorporeal photopheresis are equipotent in treating severe atopic dermatitis: a randomized cross-over study comparing two efficient treatment modalities. In: Frontiers in Medicine, 2014, doi:10.3389/fmed.2014.00033 (Letzter Abruf: 09.03.2017)
  • Lim, J., Stern, R.: High Levels of Ultraviolet B Exposure Increase the Risk of Non-Melanoma Skin Cancer in Psoralen and Ultraviolet A-Treated Patients. In: Journal of Investigative Dermatology, 2005, 124: 505 –513
  • Luger, T. A. et al.: S1-Leitlinie Therapie des atopischen Ekzems mit Calcineurin-Inhibitoren (Gültigkeit abgelaufen; letzter Abruf: 09.03.2017)
  • Luger, TA. et al.: Topische Dermatotherapie mit Glukokortikoiden – Therapeutischer Index. In: Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, 2004, 2(7): 629 - 634
  • Ortiz, KJ., Yannias, JA.: Contact dermatitis to cosmetics, fragrances, and botanicals. In: Dermatology and Therapy, 2004, 17(3): 264 - 271
  • Paternoster, L. et al.: Multi-ancestry genome-wide association study of 21,000 cases and 95,000 controls identifies new risk loci for atopic dermatitis. In: Nature Genetics, 2015, 47: 1449 – 1456
  • Patrizi, A. et al.: Management of atopic dermatitis: safety and efficacy of phototherapy. In: Clinical, Cosmetic and Investigational Dermatology, 2015, doi:10.2147/CCID.S87987 (Letzter Abruf: 09.03.2017)
  • Pfaar, O. et al.: S2k-Leitlinie zur (allergen-)spezifischen Immuntherapie bei IgE-vermittelten allergischen Erkrankungen. In: Allergo Journal International, 2014, 23: 282 – 319
  • Proksch, E. et al.: Bathing in a magnesium-rich Dead Sea salt solution improves skin barrier function, enhances skin hydration, and reduces inflammation in atopic dry skin. In: International Journal of Dermatology, 2005, 44: 151 – 157
  • Schäfer, T. et al.: S3-Leitlinie Allergieprävention – Update 2014. In: Allergo Journal International, 2014, 23(187): 32-45
  • Schmitt, J. et al.: Psychiatric comorbidities in adult eczema. In: British Journal of Dermatology, 2009, 161: 878-883
  • Schmitt, J. et al.: Infant-onset eczema in relation to mental health problems at age 10 years: Results from a prospective birth cohort study (German Infant Nutrition Intervention plus). In: Journal of Allergy and Clinical Immunology 2010, 125(2): 404 – 410
  • Schmitz, R. et al.: Verbreitung häufiger Allergien bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. In: Bundesgesundheitsblatt, 2014, 57: 771–778
  • Silverberg, J. et al.: Adult eczema prevalence and associations with Asthma and other health and demographic factors: A US population – based study. In: Journal of Allergy and Clinical Immunology, 2013, 132(5): 1132-1138
  • Simpson, E.L. et al.: Two Phase 3 Trials of Dupilumab versus Placebo in Atopic Dermatitis. In: New England Journal of Medicine, 2016, 375: 2335-2348
  • Thorsteinsdottir S, Thyssen JP, Stokholm J, Vissing NH, Waage J, Bisgaard H. Domestic dog exposure at birth reduces the incidence of atopic dermatitis. Allergy, 2016, 71: 1736–1744
  • Wang, B. et al.:  IL-1ß - Induced Protection of Keratinocytes against Staphylococcus aureus-Secreted Proteases Is Mediated by Human b-Defensin 2. In: Journal of Investigative Dermatology, 2017, 137(1): 95-105
  • Werfel, T. et al.: Cellular and molecular immunologic mechanisms in patients with atopic dermatitis. In: Journal of Allergy and Clinical Immunology, 2016, 138(2): 336 – 349
  • Werfel, T. et al.: S2k-Leitlinie Neurodermitis [atopisches Ekzem; atopische Dermatitis]. In: Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, 2016, 14(1): e1-e74
  • Werfel, T. et al.: S1-Leitlinie Vorgehen bei vermuteter Nahrungsmittelallergie bei atopischer Dermatitis. In: Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, 2009, 3(7): 265-272 (Gültigkeit abgelaufen; letzter Abruf: 09.03.2017)  
  • Wollenberg, A., et al.: Proactive therapy of atopic dermatitis – an emerging concept. In: Allergy, 2009, 64: 276–278
Letzte Aktualisierung:
10.03.2017
Veranstaltungskalender

Hier finden Sie aktuelle Termine zu Vorträgen, Seminaren und anderen Patientenveranstaltungen rund um das Thema Allergien

Fachbegriffe A - Z

Von A wie Anamnese bis Z wie Zytokine - Das Allergielexikon zum Nachlesen

Facebook-Icon
Twitter-Icon

Folgen Sie uns

Wissenschaftliche Beratung

Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann

UNIKA-T Augsburg/TU München

Institut für Umweltmedizin

E-Mail: claudia.traidl-hoffmann noSp@m@tum.de

Neurodermitis-Tagebuch

Ein Neurodermitis-Tagebuch ist nützlich beim Stellen der Diagnose, der Verlaufskontrolle und der Beurteilung der Wirksamkeit der Behandlung.

Vorschaubild Neurodermitis-Tagebuch

Schulungsangebote

Die Arbeitsgemeinschaft Neurodermitisschulung e.V. (AGNES) bietet Informationen rund um Neurodermitisschulung und Ausbildung. 

Patientenorganisation

Der Bundesverband Neurodermitis ist eine Selbsthilfeorganistation für Neurodermitis-, Asthma-, Allergie-, Vitiligo und Psoriasiskranke. Weitere Patientenorganisationen für Betroffene

Austausch-Plattform

Das „AllergieMITMACHNetz“ ist eine internetgestützte Austausch-/Selbsthilfe-Plattform der Arbeitsgemeinschaft Allergiekrankes Kind (AAK), die Ort und Zeit für den Austausch unter Betroffenen und Fachleuten bieten will.