Eosinophile Erkrankungen des Verdauungstrakts

Wissenschaftliche Beratung: Dr. Katja Nemat

Großaufnahme der Hände einer Frau, die sie auf ihren Bauch legt, um Bauchschmerzen durch eosinophile Erkrankungen des Verdauungstrakts zu verdeutlichen
© Robert Kneschke/fotolia

Eosinophile Erkrankungen des Verdauungstrakts (Magen-Darm-Trakts) umfassen eine nicht ganz einheitliche Gruppe von chronisch-entzündlichen Erkrankungen der Schleimhäute der Verdauungsorgane.

Diagnostisch kennzeichnend für diese Gruppe ist der feingewebliche Schleimhaut-Befund: Entnimmt man eine Gewebeprobe (Biopsie) aus der entzündeten Schleimhaut, ist unter dem Mikroskop eine ungewöhnlich große Zahl an eosinophilen Granulozyten zu erkennen, einer Unterart weißer Blutzellen, welche ins Gewebe eingewandert sind. Daraus leitet sich die Bezeichnung „eosinophile Erkrankungen“ ab.

Grundlagen

Eosinophile Erkrankungen können verschiedene Abschnitte des Verdauungstrakts betreffen:

  • Eosinophile Ösophagitis: Entzündung der Speiseröhre (lateinisch Ösophagus)
  • Eosinophile Gastritis: Entzündung des Magens (lateinisch Gaster)
  • Eosinophile Enteritis: Enzündung des Dünndarms (altgriechisch Enteron)
  • Eosinophile Gastroenteritis: Entzündung von Magen und Dünndarm
  • Eosinophile Colitis: Entzündung des Dickdarms (lateinisch Kolon)
  • Eosinophile Prokokolitis: Entzündung des Enddarms (griechisch proktos Mastdarm)

Kurz erklärt:

Es ist noch nicht ganz klar, wie eosinophile Erkrankungen des Verdauungstrakts genau entstehen. Sie stehen oft in Zusammenhang mit einer Nahrungsmittelallergie.

Entstehung

Normalerweise stellt die gesunde Schleimhaut eine Barriere des Körpers vor von außen in den Körper gelangten Einflüssen und Stoffen dar. Bei Menschen mit einer eosinophilen Erkrankung des Verdauungstrakts funktioniert dieser Schutz nicht richtig. Dadurch können zum Beispiel Allergene leichter in den Körper eindringen und Entzündungsreaktionen hervorrufen. Allerdings ist nicht klar, ob dies Ursache oder Folge der Erkrankungen ist.

Unterschiedliche Krankheitsbilder können zudem begünstigen, dass eosinophile Erkrankungen des Verdauungstrakts entstehen. So kann eine Weizenallergie zum Beispiel mit einer eosinophilen Ösophagitis oder Gastroenteritis in Zusammenhang stehen. IgE-vermittelte Lebensmittelallergien sind generell häufig bei Menschen mit eosinophilen Erkrankungen des Verdauungstrakts – 15 bis 43 Prozent reagieren auf mindestens ein Lebensmittel allergisch. Durch den Kontakt mit Lebensmittelallergenen kann die Entzündung immer wieder neu angefacht werden. In vielen Fällen heilt die Entzündung bei eosinophilen Erkrankungen durch eine geeignete Eliminationsdiät wieder ab.

Eosinophile Erkrankungen und atopische Veranlagung

Auch sind eosinophile Erkrankungen des Verdauungstrakts oft mit einer atopischen Veranlagung zu allergischem Schnupfen, Asthma und Neurodermitis verbunden. Die eosinophilen Erkrankungen sind aber keine atopischen Erkrankungen an sich. Auch gibt es Menschen mit einer eosinophilen Erkrankung, die keine Allergien oder Sensibilisierungen aufweisen. Ein direkter Einfluss liegt daher nicht vor.

Gut zu wissen:

Der Schweregrad der Beschwerden ist unterschiedlich: Während manche Menschen nur zufällig von ihrer Erkrankung erfahren, haben andere starke Beschwerden mit deutlicher Einschränkung ihrer Lebensqualität.

Symptome

Welche Symptome eosinophile Erkrankungen des Verdauungstrakts verursachen, ist abhängig vom betroffenen Organ. Durch die anhaltende Entzündung führen sie zu einer Schädigung der Schleimhaut und wirken sich auf die Verdauungstätigkeit aus. Wird die Entzündung nicht wirksam behandelt, vernarbt die Schleimhaut immer mehr. Dies kann insbesondere bei der Speiseröhre zu einer Verengung mit weiteren Komplikationen führen.

Eosinophile Ösophagitis: Symptome

Die eosinophile Ösophagitis ist die häufigste Form der eosinophilen Erkrankungen des Verdauungstrakts. Je nach Alter der Betroffenen kann sie sich durch unterschiedliche Symptome äußern. Die häufigsten Beschwerden bei älteren Kindern und Erwachsenen sind:

  • Schluckbeschwerden (Dysphagie) bzw. Schmerzen beim Schlucken fester Speisen
  • „Steckenbleiben“ von Nahrung in der Speiseröhre (sogenannte „Bolusereignisse“)
  • Schmerzen hinter dem Brustbein

Bei jüngeren Kindern stehen andere Symptome im Vordergrund, zum Beispiel:

  • Reflux (Zurückfließen von Magensaft in die Speiseröhre)
  • Erbrechen
  • Bauschmerzen
  • Essenverweigerung
  • Schluckbeschwerden
  • Gedeihstörung

Unbehandelt kann die Erkrankung je nach Schweregrad dazu führen, dass sich Kinder nicht altersgerecht entwickeln.

Eosinophile (oder allergische) Proktokolitis: Symptome

Diese Erkrankung tritt typischerweise bei gestillten Säuglingen in den ersten drei Lebensmonaten auf. Sie kommt nur selten bei Säuglingen vor, die mit Säuglingsformelnahrungen ernährt werden, und nie bei älteren Kindern oder Erwachsenen.

Die eosinophile Proktokolitis zeigt sich durch blutige Stühle verschiedenen Schweregrades. Meist geht es den Kindern sonst vom Allgemeinbefinden sehr gut. Nur selten kommt es zu schmerzhaften Stuhlentleerungen oder Durchfall und seltener zu bedeutsamen Blutverlusten, die eine Blutarmut (Anämie) auslösen.

Verbreitung

Allergische Magen-Darm-Erkrankungen, zu denen auch eosinophile Erkrankungen des Verdauungstrakts gezählt werden, treten in der westlichen Welt immer häufiger auf.

Es gibt nur wenige Daten, wie verbreitet eosinophile Erkrankungen des Verdauungstrakts sind. Die am häufigsten festgestellte Form ist die eosinophile Ösophagitis. Die europäischen Leitlinien gehen von 13 bis 49 Fällen pro 100.000 Einwohnern aus. An anderen Stellen werden aber auch Häufigkeiten von 5 bis 10 Personen pro 10.000 Einwohner genannt. In jedem Fall werden die Diagnosen häufiger gestellt als früher.

Die eosinophile Ösophagitis kann in jedem Lebensalter auftreten. Besonders viele Betroffene erkranken zwischen 30 und 50 Jahren. Die eosinophile Ösophagitis wird dabei in allen Altersgruppen bei Männern häufiger beobachtet. Das Verhältnis von Männern zu Frauen beträgt etwa 3 zu 1.

Diagnose

Besteht der Verdacht auf eine eosinophile Erkrankung des Verdauungstrakts, erfolgt die Diagnose in der Regel mit einer Spiegelung (Endoskopie) der Verdauungsorgane. Die Notwendigkeit (Indikation) der Untersuchung wird auf Basis der in der Krankengeschichte (Anamnese) geschilderten Symptome festgestellt. Einzig bei der eosinophilen oder allergischen Prokokolitis ist in der Regel keine Spiegelung (Endoskopie) erforderlich.

Bei der Endoskopie entnimmt die/der untersuchende Ärztin/Arzt Gewebeproben (Biopsien) der Schleimhaut. Die Spiegelung allein ohne Entnahme von Gewebeproben reicht nicht aus, um die Diagnose zu stellen. Zwar können während der Untersuchung Schleimhautveränderungen sichtbar sein, welche stark auf eine eosinophile Erkrankung hinweisen. Beweisend ist jedoch allein der Nachweis einer erhöhten Anzahl von eosinophilen Granulozyten im Gewebe.

Da es möglich ist, dass die Abschnitte des Verdauungstrakts unterschiedlich stark entzündet beziehungsweise manche Bereiche gar nicht betroffen sind, ist es sinnvoll, mehrere Proben an unterschiedlichen Stellen zu gewinnen. An der Speiseröhre wird generell eine sogenannte „Stufenbiopsie“ durchgeführt. Die europäische Leitlinie empfiehlt mindestens sechs Biopsien an Stellen, an denen die Schleimhaut verändert aussieht.

Liegt zum Beispiel eine eosinophile Ösophagitis vor, sind unter dem Mikroskop in den Schleimhautproben aus der Speiseröhre vermehrt eosinophile Granulozyten erkennbar. Ab einer Anzahl von mind. 15 Eosinophilen pro Hauptgesichtsfeld des Mikroskops gilt die Diagnose als gesichert.

Therapie

Werden eosinophile Erkrankungen des Verdauungstrakts wie eine eosinophile Ösophagitis nicht behandelt, bleiben die Symptome in der Regel bestehen. Die Entzündung klingt meist nicht von selbst ab. Es handelt sich um ein chronisches Geschehen mit langjährigem Verlauf. Eine Ausnahme ist die eosinophile Proktokolitis des Säuglings, welche in späterem Lebensalter in dieser Form nicht mehr auftritt.

Eosinophile Erkrankungen des Verdauungstrakts können mit Medikamenten behandelt werden. Bei einigen Formen wird alternativ oder auch als erste Behandlungsoption eine therapeutische Diät eingesetzt. Ziele der Behandlung sind stets Beschwerdefreiheit mit Möglichkeit der Nahrungsaufnahme ohne Einschränkungen sowie der Rückbildung der festgestellten endoskopischen Veränderungen.

Therapeutische Eliminationsdiät

Wählt man den Ansatz einer therapeutischen Diät, wird eine Elementarkost zugeführt oder eine Eliminationsdiät eingesetzt.

Bei einem gestillten Säugling mit eosinophiler Proktokolitis wird meist zunächst eine Kuhmilch-freie Ernährung der Mutter empfohlen, häufig zu Beginn als diagnostische Diät. Wenn sich darunter die Beschwerden des Kindes komplett zurückbilden, wird die Diät zunächst beendet. Treten dann wieder blutige Stühle auf, empfiehlt man der Mutter für einige Monate eine Kuhmilch-freie Ernährung oder die Ernährung des Kindes mit einer Kuhmilch-freien Formulanahrung (extensives Hydrolysat oder Aminosäuremischung). Bei der eosinophilen Proktokolitis ist die diätetische Behandlung sehr vielversprechend. Medikamente sind in der Regel nicht notwendig.

Bei größeren Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen mit eosinophiler Ösophagitis wird als therapeutische Diät häufig eine sogenannte „6-Food“-Eliminationsdiät eingesetzt.  Hierbei werden folgende Nahrungsmittelallergene eliminiert:
Kuhmilch, Soja, Hühnerei, Weizen, Erdnuss/Nüsse/Kerne, Fisch und Meeresfrüchte. Das Ansprechen auf die Therapie wird genauso wie bei der medikamentösen Behandlung durch eine endoskopische Kontrolle geprüft.

Medikamentöse Therapie

Die/der behandelnde Ärztin/Arzt verschreibt örtlich wirksame Glukokortikoide („Cortison“), um die Entzündung des Verdauungstrakts zu bekämpfen.

Bei einer eosinophilen Ösophagitis liegt oft auch eine Säure-bedingte Entzündung der Speiseröhre vor. Dann werden zunächst sogenannte Protonenpumpen-Hemmer verordnet. Sie wirken bei einem Teil der Menschen mit einer eosinophilen Ösophagitis ausreichend.

Falls nicht, werden im zweiten Schritt örtlich wirksame Glukokortikoide eingesetzt. Früher wurden hierfür Asthmasprays verwendet, welche aber nach Sprühen an den Rachen heruntergeschluckt (und nicht wie beim Asthma inhaliert) wurden. Inzwischen behandelt man lieber mit Cortison in einer gelartigen (viskösen) Lösung, welche als Rezeptur vom Apotheker hergestellt wird. Die Lösung kleidet die Speiseröhre nach dem Schlucken aus und entfaltet so ihre örtliche Wirkung. Für Erwachsene steht inzwischen auch eine Schmelztablette zur Anwendung zur Verfügung.

Inzwischen sind auch neuartige Wirkstoffe zur Behandlung eosinophiler Erkrankungen des Verdauungstrakts in der Erprobung. Biologika wie monoklonale Antikörper sollen Menschen helfen, die ihre Beschwerden mit den momentan verfügbaren Behandlungsoptionen nicht ausreichend in den Griff bekommen. Bislang ist aber noch keiner dieser Wirkstoffe zugelassen.

Treten durch die anhaltende Entzündung und Vernarbung der Schleimhaut Komplikationen wie eine Verengung des Verdauungstrakts auf, kann eine Operation notwendig sein. Diese kann meist ohne längeren Krankenhausaufenthalt ambulant und endoskopisch („Schlüssellochtechnik“) durchgeführt werden. Dabei trägt die/der operierende Ärztin/Arzt vorsichtig das Narbengewebe ab, um den verengten Bereich zu weiten.

Wissenschaftliche Beratung

Dr. Katja Nemat

Ärzteverband Deutscher Allergologen (AeDA)

c/o Kinderzentrum Dresden-Friedrichstadt

E-Mail: katjanoSp@m@nemat.de

Quellen:

Die hier aufgeführten Leitlinien und Aufsätze richten sich, so nicht ausdrücklich anders vermerkt, an Fachkreise. Ein Teil der hier angegebenen Aufsätze ist in englischer Sprache verfasst.

  • Biedermann, T. et al. (Hrsg., 2016): Allergologie. Springer, Berlin/Heidelberg, 2. Aufl., ISBN9783642372025 
  • Capucilli, P. und Hill, D.A.: Allergic Comorbidity in Eosinophilic Esophagitis: Mechanistic Relevance and Clinical Implications. In: Clinic Rev Allerg Immunol, 2019, 57: 111-127
  • Dellon, E.S. et al.: ACG Clinical Guideline: Evidenced Based Approach to the Diagnosis and Management of Esophageal Eosinophilia and Eosinophilic Esophagitis (EoE). In: Am J Gastroenterol, 2013, 108: 679–692
  • Felber, J. et al.: S2k-Leitlinie Zöliakie, Weizenallergie und Weizensensitivität. In: Gastroenterol, 2014, 52: 711–743
  • Kleine-Tebbe, J. et al.: Rationale Diagnostik von Nahrungsmittelallergien. In: Allergologie, 2016, 9: 409-424
  • Leru, P.M.: Eosinophilic disorders: evaluation of current classification and diagnostic criteria, proposal of a practical diagnostic algorithm. In: Clin Transl Allergy, 2019, doi: 10.1186/s13601-019-0277-4
  • Lucendo, A.J. et al.: Guidelines on eosinophilic esophagitis: evidence-based statements and recommendations for diagnosis and management in children and adults. In: United European Gastroenterology Journal, 2017, 5 (3): 335-358
  • Müller, F., Bachmann, O.: Nahrungsmittelallergie. In: Darsow, U., Raap, U. (Hrsg.): Allergologie Kompakt. Dustri Verlag 2016
  • Nowak-Wegrzyn, A. et al.: Sex and allergic diseases. In: Ann Allergy Asthma Immunol 2019, 122: 134e135
  • Papadopoulo, A. et al.: Management Guidelines of Eosinophilic Esophagitis in Childhood. In: JPGN, 2014, 58: 107–118
  • Raithel, M. und Bischoff, S.C.: Allergisch bedingte Magen-Darm-Erkrankungen und Nahrungsmittelunverträglichkeiten. In: Klimek, L., Vogelberg, C., Werfel, T. (Hrsg.): Weißbuch Allergie in Deutschland. 4., überarbeitete und erweiterte Auflage, Springer Medizin 2018
  • Schuppan, D., Zimmer, K.P.: Diagnostik und Therapie der Zöliakie. In: Dtsch Arztebl Int, 2013, 110 (49): 835–46
  • Wechsler, J.B. und Hirano, I.: Biological Therapies for Eosinophilic Gastrointestinal Diseases. In: J Allergy Clin Immunol, 2018, 142 (1): 24-31
  • Zopf, Y. et al.: Differenzialdiagnose von Nahrungsmittelunverträglichkeiten. In: Dtsch Ärztebl Int, 2009, 106 (21): 359-370

Letzte Aktualisierung:

4. Februar 2020