110 Jahre Hyposensibilisierung – einzig wirksame Allergie-Therapie

Pollen, Hausstaubmilben, Insektengift und mehr können allergische Reaktionen auslösen. Seit 110 Jahren ist die als Hyposensibilisierung bekannte Allergenimmuntherapie (AIT) die bisher einzig wirksame Therapiemöglichkeit für Allergiker:innen. Ein Anlass, um Bilanz ziehen und in die Zukunft zu blicken.
Hyposensibilisierung - Tabletten und Flüssigkeit in Fläschchen - ©ASC Fotografcilik

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Wenn im Frühling Birke und Haselnuss oder später im Jahr beispielsweise Gräser blühen, könnten Menschen mit Heuschnupfen unter stark belastenden allergischen Symptomen leiden. Akut gefährlich kann ein Insektenstich bei Personen mit einer Insektengiftallergie sein – ein anaphylaktischer Schock mit plötzlichem Kreislaufzusammenbruch sogar lebensgefährlich. Zum Glück besteht für bestimmte Allergien wie Heuschnupfen, Hausstaubmilben-, Tierhaar- und Insektengiftallergie die Möglichkeit der Hyposensibilisierung, in Fachkreisen auch Allergenimmuntherapie (AIT) genannt.

Wohldosierte Allergenextrakte trainieren das Immunsystem

Die Briten Leonard Noon und John Freeman bestätigten als erste Wissenschaftler vor 110 Jahren in einem klinischen Bericht die Wirksamkeit der Allergenimmuntherapie; bis heute ist sie die wichtigste Therapieoption für Allergiker:innen und sie gilt als bisher einzige Therapie, die ursächlich auf die Krankheit Einfluss nimmt und im besten Fall sogar die Allergie heilen kann. Das Wirkprinzip der Hyposensibilisierung basiert darauf, dass durch Verabreichung dosierter Allergenmengen der Körper an die allergieauslösenden, eigentlich harmlosen Umweltsubstanzen, die so genannten Allergene, zu gewöhnen und so zu verhindern, dass das Immunsystem bei realem Kontakt mit dem Allergen allergisch reagiert.

Neue Einblicke ins angeborene und erworbene Immunsystem

Obwohl die Allergenimmuntherapie bis heute die wichtigste Therapieform in der Allergologie ist, trat die Forschung in den letzten 110 Jahren nicht auf der Stelle: Vor allem neue Einblicke in das angeborene und erworben Immunsystem ermöglichten neue Erkenntnisse zur Veränderung der Immunreaktion des Körpers. Untersucht wird auch, ob eine Veränderung der Allergene, neue Verabreichungswege und die gleichzeitige Verwendung von Biologika die Wirksamkeit erhöhen.

Forschung und Big Data schaffen Komfort

Diese Erkenntnisse zusammen mit Big-Data-Daten aus der Praxis, vereinfachen die Behandlung und verbessern Sicherheit und Wirksamkeit der Allergenimmuntherapie und erhöhen damit die Therapietreue der Patient:innen. Heute steht neben der subkutanen Immuntherapie (SCIT), bei der das Allergenextrakt unter die oberste Hautschicht gebracht wird, auch die Möglichkeit das Immunsystem mithilfe einer sublingualen Immuntherapie (SLIT), also mit Tabletten zu desensibilisieren.

Zukunft der Allergenimmuntherapie

Während bei Allergien wie Heuschnupfen und Insektengiftallergie eine Hyposensibilisierung sehr effizient schützt, gibt es im Bereich der Nahrungsmittelallergien noch dringenden Forschungsbedarf. Auch werden Ansätze zur vorbeugenden Allergenimmuntherapie untersucht: Hochrisikokinder, bei denen beide Elternteile hochallergisch sind, könnten beispielsweise prophylaktisch immunisiert werden.

Quelle:

Pfaar, O. et al.: One hundred and ten years of Allergen Immunotherapy: A journey from empiric observation to evidence. European Journal of Allergy, Juli 2021