Immunsystem und Schwangerschaft

Wissenschaftliche Beratung: Dr. Katja Nemat

Um eine Schwangerschaft zu ermöglichen, muss der Körper der Frau den Embryo akzeptieren. Dies ist eine biologische Herausforderung, schließlich ist die Erbinformation des Kindes eine Mischung aus der des Vaters und der Mutter. Somit unterscheidet er sich sich vom eigenen Gewebe der Mutter. Die Gebärmutterschleimhaut, die mit dem Embryo verbunden ist, darf ihn dennoch nicht abstoßen.

Zusammenspiel statt Unterdrückung des Immunsystems

Graphische Darstellung eines Embryos - geschützt durch das Immunsystem der Mutter
© nerthuz/stock.adobe.com

Das Immunsystem der Mutter spielt eine entscheidende Rolle bei einer Schwangerschaft. Lange gingen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davon aus, dass das Immunsystem bei Schwangeren gedrosselt wird, um Abstoßungsreaktionen zu vermeiden. Diese Ansicht gilt inzwischen als überholt. Vielmehr zeigt eine zunehmende Zahl an Untersuchungen, dass das Immunsystem der Mutter aktiv die Einnistung des Embryos und das Wachstum des Kindes fördert. Beteiligt daran sind spezielle Immunzellen in der Gebärmutterschleimhaut, die den Embryo umgibt.

Durch die Schwangerschaft bildet sich eine immunologische Toleranz für das heranwachsende Kind aus. Gleichzeitig muss das Abwehrsystem stark genug sein, um Mutter und Ungeborenes vor schädlichen Einflüssen zu schützen. Dieses Zusammenspiel des mütterlichen Immunsystems mit den Zellen des Kindes ist störanfällig, etwa durch Infektionskrankheiten. Daher können zum Beispiel bakterielle Infektionen zu Schwangerschaftskomplikationen führen.

Gut zu wissen:

Das Netzwerk Gesund ins Leben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft hat Handlungsempfehlungen und Tipps für (werdende) Eltern zusammengestellt, um Allergien vorzubeugen. Außerdem bietet es einen Test zum Allergie-Risiko des Kindes an.

Was bedeutet eine Allergie der Mutter für das Allergie-Risiko des Kindes?

Verschiedene Risikofaktoren begünstigen, dass ein Kind allergische Erkrankungen entwickelt. Die erbliche (genetische) Veranlagung spielt dabei eine wichtige Rolle. Dies zeigt sich auch im theoretischen Erkrankungsrisiko, je nachdem, ob allergische Erkrankungen in der Familie auftreten:

  • Sind beide Elternteile gesund, entwickeln 5 bis 15 Prozent der Kinder eine allergische Erkrankung wie Neurodermitis, Asthma oder IgE-vermittelte Allergien.
  • Leidet ein Elternteil an einer atopischen Erkrankung, sind 20 bis 40 Prozent der Kinder ebenfalls betroffen.
  • Hat ein Geschwisterkind eine atopische Erkrankung, beträgt das Risiko für das Kind 25 bis 35 Prozent, ebenfalls zu erkranken.
  • Sind beide Eltern Atopiker, beträgt das Risiko für das gemeinsame Kind 40 bis 60 Prozent.
  • Am höchsten ist das Allergie-Risiko des Kindes, wenn beide Eltern unter der gleichen atopischen Erkrankung leiden: Das gemeinsame Kind trägt ein 60- bis 80-prozentiges Risiko, ebenfalls zu erkranken.

Allergie-Risiko minimieren

Das errechnete Erkrankungsrisiko beruht auf statistischen Wahrscheinlichkeiten. Es bedeutet nicht, dass das Kind in jedem Fall erkrankt. Auch wenn sich Allergien nicht immer vollständig vermeiden lassen, können Eltern bereits vor der Geburt ihres Kindes einiges dafür tun, das kindliche Allergie-Risiko soweit wie möglich zu senken.

Zu den wichtigsten Maßnahmen zählen:

  • Ausgewogene, nährstoffdeckende Ernährung – Experten empfehlen, mögliche Lebensmittelallergene nicht zu meiden (Ausnahme: Lebensmittel, auf welche die Schwangere selbst allergisch reagiert).
  • Rauchfreie Umgebung von Anfang an – bereits in der Schwangerschaft sollten werdende Mütter auf das Rauchen verzichten und Passivrauchbelastungen aus dem Weg gehen. Zigarettenrauch in der Umgebung bleibt auch nach Geburt des Kindes der stärkste Einflussfaktor für die Entwicklung von Allergien und Asthma
  • Schadstoffarme Umgebung – Renovierungsarbeiten sollten rechtzeitig vor der Geburt des Kindes, möglichst bereits vor dem Mutterschutz, abgeschlossen sein, damit mögliche Schadstoffe ausgelüftet sind. Feuchte Stellen und Schimmelschäden sollten frühzeitig beseitigt sein.
    Das Projekt Nestbau bietet verschiedene Broschüren an, die helfen, Schadstoffe zu vermeiden – zum Beispiel beim Heimwerken & Renovieren im Kinderzimmer.

Weitere Informationen zur Vorbeugung von Allergien

Wissenschaftliche Beratung

Dr. Katja Nemat

Ärzteverband Deutscher Allergologen (AeDA)

c/o Kinderzentrum Dresden-Friedrichstadt

E-Mail: katjanoSp@m@nemat.de

Quellen:

Die hier aufgeführten Leitlinien und Aufsätze richten sich, so nicht ausdrücklich anders vermerkt, an Fachkreise. Ein Teil der hier angegebenen Aufsätze ist in englischer Sprache verfasst.

  • Ambros-Rudolph, CM., Sticherling, M.: Spezifische Schwangerschaftsdermatosen. In: Hautarzt, 2017, 68: 87-94
  • Bundesärztekammer et al.: Nationale VersorgungsLeitlinie Asthma (in Überarbeitung) (Letzter Abruf: 10.10.2018)
  • Chi CC. et al.: Safety of topical corticosteroids in pregnancy. In: Cochrane Database of Systematic Reviews, 2015, 10. Art. No.: CD007346. DOI: 10.1002/14651858.CD007346.pub3
  • Constantine, MM.: Physiologic and pharmacokinetic changes in pregnancy. In: Frontiers in Pharmacology, 2014, 5: 65, doi: 10.3389/fphar.2014.00065
  • Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin et al.: S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von Patienten mit Asthma (Letzter Abruf: 10.10.2018)
  • Gonzalez-Estrada, A. et al.: Allergy Medication During Pregnancy. In: Am J Med Sci, 2016, 352(3): 326-331
  • Grieger, JA. et al.: In utero Programming of Allergic Susceptibility. In: Int Arch Allergy Immunol, 2016, 169: 80-92
  • Mor, G. et al.: The unique immunological and microbial aspects of pregnancy. In: Nature Reviews, 2017, 17: 469-482
  • Namazy, JA. et al.: The Treatment of Allergic Respiratory Disease During Pregnancy. In: J Investig Allergol Clin Immunol, 2016, 26(1): 1-7
  • Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryotoxikologie der  Charité-Universitätsmedizin Berlin: Allergien (Letzter Abruf: 10.10.2018)
  • Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryotoxikologie der  Charité-Universitätsmedizin Berlin: Informationen zu Medikamenten (Letzter Abruf: 10.10.2018)
  • Pali-Schöll, I. et al.: Allergic diseases and asthma in pregnancy, a secondary publication. In: World Allergy Organ J, 2017, 10(1):10
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  • Ring, J. et al.: S2-Leitlinie zu Akuttherapie und Management der Anaphylaxie. In: Allergo J Int, 2014, 23: 96-112
  • Rote Liste – Arzneimittelverzeichnis Deutschland (Hrsg.): Arzneimittel in Schwangerschaft und Stillzeit, Beratungsstellen. (Letzter Abruf: 10.10.2018)
  • Schäfer, T. et al.: S3-Leitlinie Allergieprävention – Update 2014. In: Allergo J Int, 2014, 23: 186-199
  • Simons, FER. et al.: Anaphylaxis during pregnancy. In: J Allergy Clin Immunol, 2012, 130: 597-606
  • Trautmann, A., Kleine-Tebbe, J. (2013): Allergologie in Klinik und Praxis; Allergene – Diagnostik – Therapie. -2., vollständig überarbeitete und erweiterte Aufl. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, ISBN: 978-3-13-142182-1
  • Zuberbier, T. et al.: The EAACI/GA²LEN/EDF/WAO Guideline for the Definition, Classification, Diagnosis and Management of Urticaria. The 2017 Revision and Update. In: Allergy 2018; 73(7):1393-1414

Letzte Aktualisierung:

10.09.2018