Allergische Reaktionen in Innenräumen

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Allergien und Baustoffe

Die meisten Menschen verbringen 90 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen. Die Luft in Innenräumen kann sehr unterschiedlich sein, je nach Raum- und Nutzungseigenschaften. Für allergieanfällige Menschen bergen neben Tierhaaren, Hausstaubmilben oder Schimmelpilzsporen auch chemische Ausdünstungen von Möbeln, Teppichen oder Farben eine Reihe gesundheitlicher Risiken.

Allergien gegen Baumaterialien und Einrichtungsgegenstände zeigen sich meistens als Kontaktekzeme. Das heißt, die Haut beginnt zu jucken, und es bildet sich ein ekzemartiger Ausschlag. Das passiert aber nicht sofort nach direktem oder auch luftgetragenem Kontakt mit dem auslösenden Stoff, sondern in der Regel erst mehrere Tage später, da Kontaktekzeme zum so genannten Spättyp allergischer Reaktionen gehören.

Ausdünstungen von Baustoffen oder Einrichtungsgegenständen können auch zu Atemwegsbeschwerden wie dem allergischen Asthma führen oder es verschlimmern. Studien zufolge sind Ungeborene und Säuglinge hier besonders empfindlich.

Allergiebewusstes Wohnen beginnt daher mit der Auswahl der richtigen Baumaterialien.

Allergene in Baumaterialien

Wandfarben

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Wandfarben und Allergien

Die meisten Wandfarben sind sogenannte Dispersionsfarben. Das sind zähflüssige Anstriche, denen unter anderem Konservierungsmittel, sogenannte Biozide, zugesetzt werden, damit sie nicht schimmeln.

Viele Biozide spalten Formaldehyd ab, das Wandfarben zugesetzt sein kann und zu den 20 häufigsten Auslösern einer Kontaktallergie gehört. Andere Biozide wie Isothiazolinonderivate treten ebenfalls aus den Farben in die Raumluft über und können in Form des sogenannten aerogenen Kontaktekzems zu Beschwerden führen.

Lacke

In Lacken kommen in ihrer Eigenschaft als Lösemittel unter anderem aromatische Kohlenwasserstoffe wie Toluol vor, die zu den flüchtigen organischen Verbindungen gehören. Einige dieser Stoffe stehen im Verdacht, Kontaktallergien auszulösen. Darüber hinaus sind Lacken Konservierungsmittel zugesetzt, die zu allergischen Beschwerden führen können.

Holzwerkstoffe

Formaldehyd ist auch in Holzwerkstoffen enthalten. Man erhält Holzwerkstoffe, wenn Hölzer zerkleinert,  zu Platten verpresst und dann mit Hilfe von Bindemitteln wieder verbunden werden. Diese Bindemittel sind hauptsächlich Kunstharze, die Formaldehyd enthalten. Weitere wichtige Kontaktallergene in den Klebern sind Epoxidharze, die als genverändernd und als Kontaktallergene eingestuft sind.

Möbel

Terpene, die in vielen Holzarten natürlicherweise vorkommen, gehören ebenfalls zu den flüchtigen organischen Verbindungen. Es gibt etwa 8000 Terpene und mehr als 30.000 Terpenoide. Viele davon zählen zu möglichen Kontaktallergenen. Hauptursache für Kontaktallergien durch Möbel ist aber ebenfalls Formaldehyd.

Allergene aus anderen Quellen im Innenraum

Schimmelpilze

Schimmelpilze gelangen häufig über die Außenluft oder Zimmerpflanzenerde in den Innenraum. Sie gedeihen in feuchtem Milieu und siedeln sich an Wänden (gerne hinter Möbeln) oder in schwer zugänglichen Zimmerecken an. Ihre Nahrung ziehen sie unter anderem aus Holz, Pappe, Teppichböden, Tapeten und Kleistern. Schimmelpilzsporen können allergen wirken und zu Asthma führen, auch dann, wenn sie abgetötet wurden.

Tierhaare

Tierallergene sind  Eiweiße in Speichel, Schweiß, Talg, Urin oder Kot der Tiere. Viele von ihnen binden an Staubpartikel in der Raumluft, landen in Kleidern und Haaren und werden schließlich eingeatmet. Sie führen zu den klassischen Symptomen des allergischen Schnupfens. Dabei gibt es keine untere Schwelle der Allergenkonzentration, wie eine neue Studie zu Katzenallergenen gezeigt hat. Sensibilisierte Personen können auch dann Symptome zeigen, wenn die Konzentration an Katzenallergenen im Raum sehr gering ist.

Hausstaubmilben

Hausstaubmilben kommen überall in der Wohnung vor. Am wohlsten fühlen sie sich im Bett. Ihr Kot vermischt sich mit anderen Bestandteilen wie Textilfasern, Nahrungsmittelresten, Pilzsporen, Bakterien sowie Haaren, Federn und Hautschuppen von Menschen oder Haustieren zu dem Gemisch, das wir als Hausstaub kennen. Betroffene leiden unter den klassischen Symptomen des allergischen Schnupfens.

Staatliche Regelungen zur Verbesserung der Luftqualität in Innenräumen

Der Ausschuss zur gesundheitlichen Bewertung von Bauprodukten (AgBB), der auf nationaler Ebene in Deutschland arbeitet und dem sowohl Landes- als auch Bundesbehörden angehören, definiert seit 1997 Mindestanforderungen für Bauprodukte im Innenraum unter anderem hinsichtlich gesundheitlicher Wirkungen. Seit 2004 lässt das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt) nur noch Baustoffe zu, die das Prüfverfahren des Ausschusses durchlaufen haben.

Einige Umweltzeichen definieren auf der Grundlage des AgBB-Prüfschemas noch strengere Kriterien, darunter unter anderem:

  • Blauer Engel
  • GUT-Teppichsiegel
  • Emicode
  • Nature plus

Dieser Prozess führte über die Jahre zu zahlreichen Verbesserungen. So ist die Ausdünstung von  flüchtigen organischen Verbindungen  aus Teppichen und Bodenbelägen seit 2004 stark zurückgegangen. Teppiche haben heute keine Schaumrücken mehr, sondern eine Unterlage aus textilem Stoff. Für Bodenbeläge stehen Klebstoffe zur Verfügung, die nur noch sehr geringe Mengen an Lösemitteln enthalten.

Auf europäischer Ebene erließ die damalige Europäische Gemeinschaft 1998 die Biozid-Produkte-Richtlinie, im Jahr 2012 folgte die Biozid-Produkte-Verordnung der Europäischen Union. Das Fernziel ist die vollständige Verbannung von Bioziden aus Bauprodukten, Schädlingsbekämpfungs- und Reinigungsmitteln. Zur Unterstützung dieses Ziels hat das Umweltbundesamt (UBA) ein eigenes Biozid-Portal eingerichtet.

Individuelle Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität in Innenräumen

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Richtig lüften bei Allergien

Das Rezept Nummer Eins lautet Lüften! Der Trend, neue Gebäude wirkungsvoll zu isolieren, um Energie zu sparen, sorgt für geringeren Luftaustausch und eine Zunahme der Konzentration an Innenraum-Schadstoffen. Regelmäßiges Lüften entfernt Schadstoffe, Schwebstaub und Feuchtigkeit aus der Innenraumluft. Damit ist auch eine gute Vorbeugung gegen Schimmelpilzbildung gegeben. Beim Heizen und Kochen mit Gas oder Kohle ist Lüften besonders wichtig.

Richtig lüften

Wie lüftet man richtig?

  • Am besten zweimal pro Tag für etwa fünf bis zehn Minuten gegenüberliegende Fenster weit öffnen. So entsteht Durchzug, der die Innenraumluft von Schadstoffen reinigt.
  • Wenn Feuchtigkeit und Wasserdampf entstanden sind, etwa nach dem Kochen oder Duschen, sofort lüften.
  • Während der Arbeit mit Lösungsmitteln, Farben und anderen gesundheitsrelevanten Stoffen die Fenster möglichst geöffnet halten.

Rezept Nummer Zwei lautet Prävention. Ob beim Hausbau, Möbelkauf, Tapezieren oder Verlegen von Teppichböden chemische Ausdünstungen in Innenräumen lassen sich durch die Auswahl schadstoffarmer Produkte reduzieren. Umweltzeichen und Siegel helfen bei der Auswahl.

Umweltzeichen und Siegel

Die nachfolgende Auswahl von Umweltzeichen stellt die Zeichen der größten und bekanntesten deutschen und europäischen Anbieter vor. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und stellt keine Wertung dar.

Der Blaue Engel ist das älteste und bekannteste deutsche Umweltzeichen. Es gibt ihn seit 1978. Aktuell (Stand März 2017) dürfen mehr als 12.000 Produkte von rund 1500 Unternehmen dieses Zeichen tragen. Der Blaue Engel wird unter anderem vergeben für:

  • emissionsarme Wandfarben
  • schadstoffarme Lacke
  • emissionsarme Holzwerkstoffe
  • emissionsarme Bodenbeläge
  • emissionsarme Möbel
  • Tapeten
  • Matratzen

Das EU-Ökolabel existiert seit 1992. Bei der jeweiligen nationalen Stelle können Hersteller oder Händler das Label für ihr Produkt beantragen. Insgesamt wurden bis heute (Stand März 2017) 1998 Lizenzen für 38.760 Produkte und Dienstleistungen erteilt.

Der Technische Überwachungsverein (TÜV) bietet gleich mehrere TÜV-Umweltlabel an. Der TÜV Nord hat in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut ein Zertifizierungsverfahren für Bodenbeschichtungen und Dispersions-Wandfarben eingerichtet. Die Produkte durchlaufen einen Prüfprozess und müssen strengeren Kriterien genügen als durch den Ausschuss zur gesundheitlichen Bewertung von Bauprodukten definiert. Nach erfolgreicher Zertifizierung kann der Hersteller das TÜV-Prüfzeichen „Schadstoffgeprüfte Produkte für den Innenbereich“ nutzen.

Der TÜV Rheinland bietet ein „Toxproof“-Zertifikat für die Schadstoffbelastung in Innenräumen in zwei Varianten an. Das „normale“ Toxproof-Label bescheinigt, dass in dem Gebäude keine Gesundheitsgefährdungen durch Schadstoffbelastungen in der Raumluft zu erwarten sind. Für Gebäude, die mit Lüftungstechnik ausgerüstet sind, gibt es zusätzlich das Zeichen „Allergiker geeignet“. Es bescheinigt eine schadstoffarme Umgebung sowie die Verminderung der Belastung durch Staub und Pollen, zum Beispiel durch den Einsatz von Luftreinigern. Für andere Produkte wie Haushaltsgeräte, Möbel, Textilien und Spielzeug hat der TÜV Rheinland ein „Green-Product“-Zertifizierungsverfahren etabliert.

Das eco-INSTITUT-Label wird vom ECO-Institut in Köln für Bauprodukte, Bodenbeläge, Matratzen, Bettwaren und Möbel vergeben, die strengen Schadstoff- und Emissionsanforderungen genügen. Die einzelnen Artikel, die das Siegel führen dürfen, sind in einer öffentlich zugänglichen Datenbank aufgelistet. Das ECO-Institut prüft auch im Auftrag anderer Kennzeicheninhaber die Einhaltung von deren Kriterien, so zum Beispiel im Auftrag der Gemeinschaft Emissionskontrollierte Verlegewerkstoffe, Klebstoffe und Bauprodukte e. V. (GEV).

Das Prüfzeichen „sehr emissionsarm EMICODE“ (dreistufig) wird durch die Gemeinschaft Emissionskontrollierte Verlegewerkstoffe, Klebstoffe und Bauprodukte e. V. für Bauprodukte vergeben. Dem Verein gehören aktuell etwa 120 Unternehmen aus der Bau- und Chemiebranche in Europa, den USA und Kanada an.

Der Internationale Verein für zukunftsfähiges Bauen und Wohnen, natureplus e.V., in Neckargemünd vergibt das Natureplus-Siegel. Dem Verein gehören neben Verbänden und Instituten aus der Bauwirtschaft die Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt sowie fünf Umweltverbände aus Deutschland, Nordirland, der Schweiz und Luxemburg an. Die Bauwirtschaft ist mit über 60 Unternehmen vertreten. Natureplus e.V. zertifiziert insgesamt 20 unterschiedliche Bauprodukte. Es gibt Basiskriterien, die für alle Produkte gelten. Zusätzlich existieren spezifische Kriterien für spezifische Bauprodukte, je nachdem, aus welchem Ausgangsstoff sie gefertigt sind. Das Siegel wird für drei Jahre vergeben. Danach ist eine erneute Überprüfung notwendig.

Auf der Ebene einzelner Produktgruppen werden von Herstellerseite darüber hinaus unter anderem folgende Siegel vergeben:

Siegel für Möbel

  • das Goldene M der Gütegemeinschaft Möbel, einer Vereinigung von mehr als 120 Möbelherstellern und -zulieferern
  • das Emissionslabel derselben Vereinigung
  • das ÖkoControl-Siegel des Europäischen Verbandes ökologischer Hersteller

Siegel für Matratzen

  • das Öko-Control-Siegel des Europäischen Verbandes ökologischer Hersteller
  • das QUl-Qualitätssiegel des Qualitätsverbandes umweltverträglicher Latexmatratzen e.V.

Siegel für Teppiche

  • das GuT-Siegel. Mitglieder sind 45 deutsche und internationale Teppichhersteller und -händler
  • das Siegel „Textiles Vertrauen, Öko-Tex Standard 100® der Internationalen Gemeinschaft für Forschung und Prüfung auf dem Gebiet der Textilökologie.“ Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von 18 Textilprüf- und Forschungseinrichtungen in Europa und Japan. Teppiche werden in Produktklasse IV (Ausstattungsmaterialien) getestet.
  • Care & Fair, Vereinigung von etwa 400 Teppichherstellern in 21 Endverbraucher- und 3 Produktionsländern. Die Mitgliederliste ist nicht öffentlich. Keine Schadstoffprüfung, sondern soziale Kriterien (Kinderarbeit, Mindestlohn etc.)
  • Rugmark, gegründet mit deutscher Unterstützung, rund 350 Mitgliedsunternehmen, keine Schadstoffprüfung, sondern soziale Kriterien
Letzte Aktualisierung: 14. März 2017 / Quellen
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Quellen:
  • Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Aktionsplan Allergien - Allergieportal
  • Bundesverband Verbraucherinitiative (Hrsg.): Schadstoffarme Kinderzimmer. Info Nr. 81, September 2004
  • Chen, C-M. et al.: Is There a Threshold Concentration of Cat Allergen Exposure on Respiratory  Symptoms in Adults? PLoS ONE 10(6):e0127457. doi:10.1371/journal.pone.0127457
  • European Chemicals Agency 
  • European Chemicals Agency (ECHA), Biocidal Products Committee (BPC)  Hrsg.: Opinion on the application for approval of the active substance: Formaldehyde. Brussels 2015
  • ECHA Hrsg.: Call for evidence on the use of formaldehyde releasers on their own, in mixtures or in articles by workers, professionals and consumers. Background document. 06.07.2016
  • ECHA Hrsg.: SUPPORT DOCUMENT FOR IDENTIFICATION OF 1,3,5-TRIS-[(2S AND 2R)-2,3-EPOXYPROPYL]-1,3,5- TRIAZINE-2,4,6-(1H, 3H, 5H)-TRIONE) AS A SUBSTANCE OF VERY HIGH CONCERN BECAUSE OF ITS CMR PROPERTIES
  • ECHA Hrsg.: Proposal for Harmonised Classification and Labelling. Substance Name: Linalool. 28.05.2014
  • Franck, U. et al.: Prenatal VOC exposure and redecoration are related to wheezing in early infancy. In: Environ Int, 2014, 73: 393-401
  • Kindergesundheit gGmbH: Innenraumluftqualität
  • Umweltbundesamt et. al. ( Hrsg.): GESÜNDER WOHNEN — ABER WIE? Praktische Tipps für den Alltag, Mai 2005
  • Umweltbundesamt (Hrsg.): Leitfaden zur Vorbeugung, Untersuchung, Bewertung und Sanierung von Schimmelpilzwachstum in Innenräumen. (2005, Letzter Abruf: 14.03.2017)
  • Umweltbundesamt (Hrsg.): Richtwerte für Toluol und gesundheitliche Bewertung von C7-C8-Alkylbenzolen in der Innenraumluft. Mitteilung des Ausschusses für Innenraumrichtwerte- In: Bundesgesundheitsbl, 2016, 59:1522–1539
  • Umweltbundesamt (Hrsg.): Richtwert für Formaldehyd in der Innenraumluft. Mitteilung des Ausschusses für Innenraumrichtwerte. In: Bundesgesundheitsbl, 2016 , 59: 1040–1044
  • Umweltbundesamt (Hrsg.): Zur Frage eines Asthma auslösenden bzw. verschlechternden Potenzials von Formaldehyd in der Innenraumluft bei Kindern. Mitteilung des Ausschusses für Innenraumrichtwerte. In: Bundesgesundheitsbl, 2016 , 59: 1028–1039
  • Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Uns geht’s gut. Umwelt- und Gesundheitsschutz im Kinderzimmer
  • Wurbs, J. et al.: Kriterien für schadstoff- und emissionsarme Bauprodukte. Präsentation anlässlich des Workshops „Die Qual der Baustoffwahl – Ökologische Baustoffe suchen und finden.“ München, 21.01.2015
Letzte Aktualisierung:
14. März 2017
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Wissenschaftliche Beratung

Dr. Wolfgang Straff

Umweltbundesamt

Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung, Fachgebiet II 1.5

E-Mail: wolfgang.straff noSp@m@uba.de