Latexallergie - Was ist das?

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Latexallergie durch Latexhandschuhe

Latex ist der milchige Saft des Kautschukbaumes (Hevea brasiliensis), in Deutschland auch als Gummibaum bekannt. Er stammt ursprünglich aus Brasilien. Kautschuk bedeutet in der Sprache der indigenen Urvölker „weinender Baum.“ Während der Kautschukernte wird der Baum angeschnitten, der Saft läuft heraus. Nach einigen chemischen Verarbeitungsschritten wird daraus einer der Grundstoffe industrieller Produktion – Gummi.

Naturlatex wird in Brasilien seit dem 15. Jahrhundert geerntet. Im 19. Jahrhundert explodierte die Nachfrage. Die Latexallergie aber ist ein Phänomen des späten 20. Jahrhunderts. Sie wurde 1927 erstmals beschrieben und 1979 durch einen Pricktest zum ersten Mal diagnostiziert.

Ihre Verbreitung ist eng verbunden mit der HIV-Pandemie ab den späten 1980iger Jahren. Damals verbreitete sich das AIDS-Virus fast zeitgleich auf mehreren Kontinenten, daher der Ausdruck „Pandemie.“ Aus Angst vor Ansteckung stieg der Verbrauch an Hand­schuhen unter Angehörigen der medizinischen Berufe stark an. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekamen plötzlich Hautausschläge und Atembeschwerden.

Schnell wurde es üblich, aus Gründen des Tragekomforts die Handschuhe mit Talkum oder Maisstärke zu pudern. Dies verschärfte das Problem. Denn über den Puder verbreiteten sich die Latexallergene – es sind mittlerweile 15 bekannt – in der Luft.

Arten der Latexallergie

Latex verursacht zwei Arten von Allergien:

  • Sind die Eiweiße im Naturlatex der verursachende Stoff, so entsteht eine Allergie vom Soforttyp. Das heißt, die Betroffenen sensibilisieren sich durch den Erstkontakt mit dem Allergen. Bei einem weiteren Kontakt tritt die allergische Abwehrreaktion dann binnen Minuten ein. Erste Symptome betreffen häufig die Atemwege, seltener die Haut. Dabei entstehen dann juckende Quaddeln, die so genannte Nesselsucht (Urtikaria).
  • Wenn Zusatzstoffe, die dem Naturlatex im Laufe der Produktion beigemischt werden, die Allergie auslösen, entsteht eine Allergie vom Spättyp. Sie macht sich durch Hautausschläge (Ekzeme) bemerkbar und tritt erst mehrere Stunden oder Tage nach dem Latex-Kontakt auf. Man bezeichnet diese Reaktion auch als Kontaktallergie.

Änderungen im Herstellungsprozess führten dazu, dass Hautreaktionen vom Spättyp heute seltener vorkommen. Gleichzeitig stieg die Zahl der allergischen Atemwegserkrankungen durch Latex drastisch an. Die Naturlatex-Allergie wurde nach der Mehlstauballergie zur zweithäufigsten Ursache für berufsbedingtes Asthma in Deutschland.

Ein Bündel an Maßnahmen sorgte in den 1990er Jahren dafür, dass die Latexallergie aus den Schlagzeilen verschwand. So ist es nicht mehr erlaubt, Latexhandschuhe zu pudern. Außerdem sind deutsche Arbeitgeber seit Ende 1997 verpflichtet, Naturlatex-Handschuhe gegen allergenarme oder latexfreie Produkte auszutauschen (In der Europäischen Union und den USA gibt es lediglich die Verpflichtung, auf die Gefahr der allergischen Erkrankung deutlich hinzuweisen). Das hat einen wesentlichen Faktor bei der Allergieentstehung zurückgedrängt – zumindest, was die medizinischen Berufe betrifft.

Synthetischer Kautschuk als Alternative

Außerdem werden mehr als 60 Prozent des Bedarfs heute mit synthetischem Kautschuk gedeckt. Dieser enthält keine Proteine, was die Allergieproblematik – bis auf seltene Hautausschläge – fast eliminiert. Trotzdem steigt parallel dazu auch die Produktion an Naturkautschuk weiter an. Denn im Vergleich mit dem Naturprodukt gibt es bei synthetischem Latex Probleme mit Qualität, Haltbarkeit und den verwendeten Chemikalien.

Es gibt etwa 40 000 Konsumartikel, die Naturlatex enthalten und somit bei sensibilisierten Personen die Allergie auslösen können. Durch Änderungen im Herstellungsprozess ließe sich auch hier Einiges steuern. Wenn das Rohmaterial schnell verarbeitet wird, bleiben mehr potentiell allergene Proteinreste zurück als bei älterem und häufiger gewaschenem Material. Doch noch immer ist nicht ins öffentliche Bewusstsein gedrungen, wie folgenreich eine Latexallergie sein kann.

Symptome der Latexallergie

Es gibt zwei Arten der Latexallergie. Beim Soforttyp (Typ 1) erreicht das Allergen das Immunsystem primär über die Atemwege. Die Symptome können sein:

  • Reizhusten
  • Lippenschwellung (z. B. beim Aufblasen von Luftballons)
  • Atemnot
  • allergischer Schnupfen
  • tränende Augen durch Bindehautreizung
  • Hautausschlag (Quaddeln)

Wichtiges Indiz ist, dass diese Symptome unmittelbar nach dem Kontakt mit einem latexhaltigen Gegenstand auftreten. Im Extremfall kommt es zu Blutdruckabfall, Kreislaufproblemen bis hin zum lebensgefährlichen anaphylaktischen Schock.

Beim Spättyp (Typ 4) erreicht das Allergen das Immunsystem primär über die Haut. Typische Symptome sind Hautrötung, Bildung von Blasen oder Hautknötchen (Papeln) und Juckreiz. Die Symptome treten verzögert auf, meist mehr als zwölf Stunden nach Kontakt mit dem Allergen. Kommt die Haut danach weiterhin regelmäßig mit dem Allergen in Berührung, wird das Ekzem chronisch. Die Haut verdickt sich, schuppt und wird trocken und rissig.

In Kürze:

Die Ursache für allergische Reaktionen gegen ein oder mehrere Lebensmittel oder Pflanzen kann auch eine Latexallergie sein. Betroffene sollten medizinischen Rat suchen und diesen möglichen Zusammenhang im Arztgespräch erwähnen.

Mögliche Kreuzreaktionen

Besonders groß ist bei einer Allergie gegen Naturlatex die Gefahr von Kreuzreaktionen. Naturlatex weist eine ähnliche Eiweißstruktur auf wie eine Reihe von Nahrungsmitteln. Daher können bei Menschen, die sich bereits mit Latex-Allergenen sensibilisiert haben, plötzlich auch beim Essen allergische Symptome auftreten. Dieses Phänomen betrifft etwa 30 bis 40 Prozent aller Latexallergiker. Das Krankheitsbild ist so häufig, dass es einen eigenen Namen bekommen hat: Latex-Frucht-Syndrom.

Die Kreuzallergie kann bei folgenden Nahrungsmitten auftreten:

  • Kohlenhydratlieferanten (Kartoffel, Buchweizen, Esskastanie)
  • Gemüse (Tomate, Sellerie, Paprika)
  • Obst (Banane, Kiwi, Pfirsich, Feige, Passionsfrucht, Papaya, Ananas, Mango, Honig- und Wassermelone, Avocado, Dattel)
  • Nüsse (Haselnuss, Walnuss, Cashewnuss)

Auch umgekehrt läuft der Prozess ab: Menschen, die bereits gegen eines oder mehrere dieser Nahrungsmittel allergisch reagieren, können zusätzlich eine Latexallergie entwickeln. Selbst beim Umgang mit Pflanzen kann es zu Kreuzreaktionen kommen. Möglich ist das bei Ficus benjamini (Birkenfeige), Gummibaum, Hanf, Korallen-Wolfsmilch, Maulbeerbaum, Immergrün, Oleander, Weihnachtsstern und Christusdorn.

Entstehung der Latexallergie

Die Gefahr, dass Latex zum Auslöser einer Kontaktallergie wird, entsteht im Laufe der Produktion von elastischem Gummi aus Naturlatex. Dies geschieht in einem chemischen Prozess, der Vulkanisation. Dabei wird aus Naturkautschuk das elastische Gummi. Einer der wirksamsten Beschleuniger dieses Prozesses sind hinzugesetzte Thiurame oder Thirame. Sie können beim Menschen Hautsymptome verursachen. In den letzten Jahren wurde die zulässige Menge der Thiurame begrenzt. Hersteller mussten sie gegen weniger wirksame, aber auch weniger Allergie-erzeugende Substanzen austauschen. Das hat einen spürbaren Rückgang der Kontaktallergien vom Spättyp bewirkt.

Über die Atemwege und die Schleimhäute können Eiweißbestandteile des Naturlatex das Immunsystem aktivieren. Beim Erstkontakt wird das Immunsystem sensibilisiert. Kommt es zu einem weiteren Kontakt, „erkennen“ die sensibilisierten IgE-Antikörper das Latexallergen und können die Immunabwehr auslösen. Bislang sind 15 Allergene des Naturlatex identifiziert. Besonders häufig war in den 1990er Jahren der Sensibilisierungsweg über gepuderte Latexhandschuhe. Durch den Hautschweiß konnten sich die wasserlöslichen Latexallergene an das Puder binden, wurden beim An- und Ausziehen der Handschuhe in der Luft verteilt und von anderen Beschäftigten eingeatmet.

Der markante Anstieg von Latexallergien unter Angehörigen medizinischer Berufe rief den Arbeitsschutz auf den Plan. Trotz bestehender Austauschpflicht sind allerdings die gepuderten Latexhandschuhe nach wie vor auf dem Markt und im Internet ohne Probleme zu bestellen.

Letzte Aktualisierung: 03. März 2017 / Quellen
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Quellen:
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Letzte Aktualisierung:
03. März 2017
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